„Rechtsextreme sollten nicht wie Demokraten behandelt werden“
Stephan Hebel ist Textchef und politischer Autor der Frankfurter Rundschau. Im Interview erzählt er, wie seine Redaktion mit dem Thema Rechtsextremismus umgeht. Der Artikel „Rätsel im Hakenkreuzfall“ zeigt den Umgang mit dem Thema in der Praxis. Außerdem kommentiert Stephan Hebel dieses Thema in einem Meinungsbeitrag.
Wie geht Ihre Redaktion mit dem Thema Rechtsextremismus in der Praxis um?
Stephan Hebel: Auf eine Weise, bei der immer klar wird, dass es sich um eine Richtung außerhalb der Verfassungsmäßigkeit handelt. Es gibt überhaupt keinen Grund, eine rechtsextreme Partei wie eine demokratische zu behandeln.
Sie behandeln also Rechtsextreme anders?
Wir lassen Rechtsextreme nicht genauso zu Wort kommen wie andere. Wir bieten ihnen - wenn es geht - keine Plattform, aber wir berichten selbstverständlich über sie. Verschweigen geht nicht. Ein großer Irrtum ist es, zu glauben, man könne durch Stillschweigen ihre Öffentlichkeitswirkung einschränken. Natürlich freuen sie sich, wenn sie in den Medien erscheinen. Das müssen wir leider in Kauf nehmen. Dagegen können wir nur ankommen, indem wir klar machen, um was es sich dabei handelt.
Welche Herausforderungen ergeben sich dabei für die Redakteure?
Die Beantwortung der Fragen: „Wann leiste ich einen Beitrag zur Aufklärung? Und wann fange ich an, ein Forum zu bieten?“ ist die größte Herausforderung.
In manchen Medien gibt es einen Überdruss an ausführlicher Berichterstattung. Aber wir müssen auch sehen, dass wir nicht aus Gewohnheit zu wenig machen. Als Journalist darf man nicht in eine „Verschweige-Routine“ kommen. Darüber denken wir in der Redaktion jedes Mal aufs Neue nach und diskutieren intensiv darüber.
Gab es schon einmal problematische Berichterstattung über Rechtsextremismus? Welche Konsequenzen hatte das?
In einem Fall haben wir einen Leserbrief eines NPD-Funktionärs abgedruckt. Interessanterweise hat man dem Brief das nicht angemerkt. Das haben wir erst im Nachhinein herausgefunden.
Und wie sind sie damit umgegangen?
Wir haben für die Zukunft unsere Konsequenzen daraus gezogen. Das hat nichts mit Unterdrückung von Meinungen zu tun, aber wir möchten kein Verstärker von Antidemokraten sein. Deswegen lassen wir sie bei uns nicht zu Wort kommen. Wenn er uns jetzt schreibt, wird das nicht abgedruckt. Mittlerweile wissen wir ja, wer er ist.
Wenn in Hessen Wahlen sind, wird das Thema NPD präsenter. Wie bereiten sich die Redakteure darauf vor?
Wir sprechen natürlich darüber, dass die NPD am Wahl-Wochenende wieder präsent wird. Wir überlegen bereits sehr intensiv, was wir dazu machen. Das ist eine laufende Debatte.
Bei einer Demo stellen wir uns beispielsweise vorher immer die Frage, wie sich der Widerstand gegen diese Aufmärsche positioniert. Wir müssen uns überlegen: Wie groß wollen wir einsteigen? Welches Forum geben wir ihnen, wenn wir darüber berichten? Wird es zum Thema des Tages?
Wie sollte Ihrer Ansicht nach der Presserat mit dem Thema Rechtsextremismus umgehen?
Der Presserat sollte dieses Thema aus seiner Arbeit auf keinen Fall ausblenden, sondern sehr genau hinschauen, wenn es um die Berichterstattung von Rechts geht.
Welchen Ratschlag würden Sie Journalisten geben, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus befassen?
Als Journalist sollte man sich nicht auf ein technisches Verständnis von Journalismus herab begeben. Ein Trugschluss wäre es zu glauben: „Alles was geschieht, berichten wir einfach so wie es passiert.“ Wir sind der Wahrheit verpflichtet, aber wir haben auch politisch-ethische Grundlagen. Wenn wir feststellen, dass sich ein Thema außerhalb des Rahmens befindet, sollten wir das auch in die Berichterstattung mit einbeziehen.
(Interview vom 15.01.2008)
Beitrag aus der Frankfurter Rundschau
Der Artikel „Rätsel im Hakenkreuzfall“ zeigt, wie die Frankfurter Rundschau mit dem Thema „Rechtsextremismus“ in der Praxis umgeht: Hat sich das Mädchen die Verletzung selbst zugefügt? Stephan Hebel kommentiert das Thema zusätzlich in einem Meinungsbeitrag.
Tags: Berichterstattung, Herausforderung, Medien, Redaktion
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