„Journalisten als die Guten hinzustellen, ist der falsche Weg“
Peter Berger ist Leiter der Stadtredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger. Im Interview spricht er über die Berichterstattung über Rechtsextreme, alltäglichen Rassismus und hartnäckiges Recherchieren.
Der alltägliche Rassismus in der Gesellschaft schafft es oft nicht in die Nachrichten. Woran könnte das liegen?
Peter Berger: Alltäglicher Rassismus ist schwer zu fassen, da er meistens sehr subjektiv geprägt und schwer zu definieren ist. Wenn in Ostdeutschland ein Schwarzer zusammengeschlagen, schwer verletzt oder gar getötet wird, ist das eine ganz eindeutige Sache. Es gibt aber Menschen, die glauben Rassismus schon allein dadurch belegen zu können, dass bei einer städtischen Müllabfuhr zu 80 Prozent türkische Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Frage, wo alltäglicher Rassismus anfängt und aufhört, ist sehr schwer zu beantworten. Das ist wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe, warum weniger spektakuläre Fälle keine Aufmerksamkeit erregen und es auch nicht in die Nachrichten schaffen.
Die Rechtsextremen betreiben Stimmenfang durch Wirtschafts- und Globalisierungskritik. Welche Tendenzen können Sie erkennen? Welche sind unterschwellig, welche offen sichtbar?
Es gibt unterschwellige Tendenzen in Fragen, die sich mit der so genannten Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft oder der Islamdebatte auseinandersetzen. Zum Beispiel: Welche Rechte werden der so genannten Minderheitsgesellschaft in Deutschland eingeräumt? Parteien (unter anderem „pro Köln“) machen sich verborgene Tendenzen gerne zu Nutze, wie das Beispiel des Kölner Moscheenbaus zeigt. Mit dem Protest gegen diesen Bau hat die Partei erfolgreich Stimmenfang betrieben. Religionsfreiheit gehört in Deutschland allerdings zu den demokratischen Grundwerten. Darf man den Bau von Moscheen also politisch davon abhängig machen, ob in der Türkei der Bau von christlichen Kirchen erlaubt ist oder nicht? Der Demokrat sollte erkennen, ob er eine solche Verbindung ziehen kann oder nicht.
Welche Sprüche, Aussagen und Zitate halten Sie für grenzwertig oder grenzüberschreitend?
Es gibt bestimmte Begriffe, die von fremdenfeindlichen Gruppen geprägt werden. Die in Nordrhein-Westfalen ansässige Bürgerbewegung „pro Köln“ nutzt bestimmte Begriffe bewusst, um Felder zu besetzen. „Großmoschee“ ist beispielsweise so ein Wort, ein völlig unscharfer, radikalisierender Begriff, der mit den eigentlichen Fakten überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist. Interessant hierbei ist, dass es solchen Bürgerbewegungen gelingt, diesen Begriff einzuführen und andere ihn kritiklos übernehmen.
Sollte man in einem Artikel über Straftaten die Herkunft und Nationalität des Täters erwähnen, oder ist davon abzuraten, weil es rassistisch wirken könnte?
Es hat mit Rassismus sicherlich nichts zu tun, wenn sich Politiker beziehungsweise Parteien zu Themen einer speziellen Bevölkerungsgruppe äußern. Ist beispielsweise Bandenkriminalität nachweislich einer bestimmten Nationalität oder Herkunft zuzuschreiben, hat das mit Rassismus und salonfähigem Rassismus überhaupt nichts zu tun. Sorgt eine Gruppe von kriminellen Rumänen oder Kosovo-Albanern für Delikte, ist eine Nennung der Herkunft keine rassistische Aussage. Hier geht es um organisierte Bandenkriminalität und die Zerschlagung ihrer Strukturen. Die Angabe der Herkunft und des sozialen Umfeldes ist in diesem Fall also völlig legitim.
Wie sollte man über Rechtsextremen berichten, um diese nicht für bestimmte Kreise bürgerlicher Schichten attraktiv zu machen?
Interessant sind gerade die Gruppen, die so tun, als gehörten sie zum normalen demokratischen Spektrum. Solche, die auch in den Stadt- und Gemeinderäten sitzen. Gerade in diesen Institutionen steckt oft eindeutig rechtsextremes Gedankengut. Durch hartnäckige Recherchen muss dies belegt und müssen die Dinge beim Namen genannt werden. Die Rechtsextremen als die Bösen und Journalisten als die Guten hinzustellen, ist der falsche Weg. Aber man sollte die Aussagen dieser Gruppen genau überprüfen und falsche Behauptungen widerlegen. Das heißt: Fakten recherchieren. Die Bürgerbewegung „pro Köln“ beispielsweise versucht seit Jahren nachzuweisen, dass sie mit Neonazis oder der NPD nichts zu tun hat. Wenn man in einem solchen Fall anhand von Fakten und Querverbindungen belegen kann, dass dem nicht so ist und dies ganz nüchtern und sachlich schildert, ist das der richtige Weg. Wichtig ist es, sich mit diesen Parteien oder Gruppen auseinanderzusetzen und den Kontakt nicht zu scheuen.
Wie sollte man bei der Berichterstattung argumentieren und wo sollte man klare Grenzen ziehen?
Der Journalist muss immer eine neutrale Position einnehmen. Würde er sich auf die Seite des Gutmenschen oder Eiferers zurückzuziehen, wäre das der falsche Weg. Es ist wichtig genau zu recherchieren, welche Hintergründe es beispielsweise hat, wenn ein Mensch mit einer schwarzen Hautfarbe einen bestimmten Job nicht bekommt. Hängt es mit seinem Äußeren oder seiner Qualifikation zusammen? Ein anderes Beispiel: Wenn man einem Flüchtling unterstellt, nur aus „wirtschaftlichen Gründen“ nach Europa gereist zu sein, wie ist das dann zu bewerten? Ist es schon Rassismus wenn man sagt, er hat in Deutschland nichts zu suchen? Wichtig ist hier, genau zwischen Nachricht und eigener Meinung trennen, sonst macht man sich angreifbar. Leider wird dies häufig ignoriert.
Peter Berger ist seit 2001 Leiter der Stadtredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger. Vorher war er Lokalredakteur und Chefreporter beim „Express“ und arbeitete als Journalist für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. In einem weiteren Interview spricht er über Versäumnisse bei der Berichterstattung über „pro Köln“. Tags: Berichterstattung, darstellen, Kölner Stadt-Anzeiger, Rechtsextremismus
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