„Wenig Erfahrung mit Ausländern“
Rechtsextreme Organisationen, Einstellungen und Gewalttaten sind eine Bedrohung für Ostdeutschland und das friedliche Zusammenleben seiner Bewohner. Im Interview spricht die ostdeutsche Politikerin Monika Lazar über den Rechtsextremismus im Osten und seine Folgen. Die Leipzigerin ist Bundestagsabgeordnete der Grünen und Expertin zum Thema: „Rassismus ist eine Haltung, die durch Angst vor dem Fremden zustande kommt, nicht durch reale schlechte Erfahrungen.“
Manche Experten behaupten, dass Rechtsextremismus im Osten eher kulturelle und historische Ursachen als aktuelle soziale Gründe hat. Worin sehen Sie die Ursachen für Rechtsextremismus im Osten?
Monika Lazar: Rechtsextremismus entsteht auf dem Nährboden eines bestimmten gesellschaftlichen Klimas. Dieses wird von vielen Faktoren beeinflusst. Die schwierige soziale Lage trägt dazu bei, dass Frustration in der Bevölkerung entsteht. Kulturelle und historische Prägungen aus der DDR-Zeit, die auch an Kinder weitergegeben werden, können die Empfänglichkeit für rechtsextremes Gedankengut erhöhen. Die Menschen in der DDR haben Demokratie nicht erlernt, der Staat hat alles für sie geregelt. Auch Nazi-Ideologie baut auf autoritäre Strukturen.
Rassismus ist eine Haltung, die durch Angst vor dem Fremden zustande kommt, nicht durch reale schlechte Erfahrungen. Diese Angst kann im Osten besonders geschürt werden, wo sie nicht durch positive Erlebnisse mit anderen Kulturen abgebaut wird.
Gibt es Unterschiede zwischen der rechtsextremen Szene in Ost- und in Westdeutschland?
Rechtsextremismus ist kein Problem nur des Ostens. Rassistische, antisemitische und intolerante Einstellungen trifft man in Ost und West annähernd gleich oft an. Im Osten finden wir tendenziell eine gewalttätigere Ausprägung der Nazi-Szene vor. Die rechtsextreme Szene unterscheidet sich aber nicht ausschließlich entlang der Ost-West-Grenze.
Ein Faktor, der mir im Osten sehr wichtig scheint, ist die geringe Erfahrung mit ausländischen Mitmenschen. In Sachsen, wo die NPD mit hohen Stimmzahlen in den Landtag einzog, gibt es nur rund zwei Prozent MigrantInnen. Die Zivilcourage ist im Osten oft nicht ausgeprägt, weil die Menschen in der DDR bürgerschaftliches Engagement und Selbstverantwortung nicht gelernt haben. Die jungen Leute holen dies aber zunehmend nach. In Universitätsstädten kommt es zum Austausch zwischen jungen Leuten aus allen Bundesländern.
Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem bei der Berichterstattung der Medien über Rechtsextremismus im Osten?
Falsch finde ich die Darstellung als „typisches Ostproblem“. Die Medien neigen zu einer skandalisierenden und aktionistischen Berichterstattung. Daher wird eher über Gewalttaten berichtet als über schleichende gesellschaftliche Entwicklungen, die leider in Ost wie West ablaufen.
Hinzu kommt, dass meist nur sehr vordergründig und oberflächlich berichtet wird. Die Ursachen hinter den spektakulären Erscheinungsformen werden kaum analysiert. Dazu müssten sich die Medien mit Ausdauer und Seriosität dem Thema zuwenden. Wichtig wären auch mehr positive Berichte über Menschen mit Migrationshintergrund, um Vorurteile kontinuierlich abzubauen und den Nazis eine Vision von Vielfalt und Toleranz entgegenzustellen.
Haben Sie beobachtet, dass lokale Redaktionen das Thema vernachlässigen oder sogar totschweigen?
Ja, es gibt vielerorts eine Scheu, die eigene Region offen als rechtsextrem zu thematisieren. Ich finde es sehr fatal, wenn die Medien das Thema Rechtsextremismus unter den Teppich kehren. Sie unterstützen damit all jene, die die Augen verschließen und so tun, als gäbe es kein Problem. Wir müssen aber die Menschen aufrütteln, damit es nicht irgendwann ein plötzliches böses Erwachen gibt.
Können Sie Hintergrundinformationen zum Thema rechtsextreme Gewalt/ Übergriffe im Osten nennen?
Für Hintergrundrecherchen sollte man sich an Mobile Beratungsteams oder Opferberatungsstellen für Opfer rechtsextremer Gewalt wenden. Dies sind die Fachleute, die sich professionell damit befassen.
Monika Lazar ist Sprecherin für „Strategien gegen Rechtsextremismus“ der Grünen im Deutschen Bundestag. Sie ist zudem Mitglied des Kuratoriums der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Fragen dieses Interviews wurden schriftlich gestellt und beantwortet.
Tags: Berichterstattung, Gesellschaft, Osten, Rechtsextremismus
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