„Die Leute sind mental stehen geblieben“

Hat Rechtsextremismus im Osten andere Ursachen als im Westen? Warum kommt es dort häufiger zu Gewalttaten? Zwei Journalisten erläutern kulturelle und historische Hintergründe.

Frank Jansen © Mike Wolff - Der TagesspiegelFrank Jansen: In Westdeutschland sind fremdenfeindliche Ressentiments genauso verbreitet wie im Osten, aber Ressentiments führen in Ostdeutschland zu einer schnelleren Reaktion. Wenn die Eltern am Frühstückstisch sagen: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, dann fühlen sich Jugendliche hinreichend legitimiert noch am selben Tag zuzuschlagen. In Westdeutschland sagen Eltern so was auch, aber die Jugendlichen prügeln nicht gleich drauf los. Man hat die gleichen Vorurteile, aber da ist einfach eine größere „Beiß-Hemmung“. Die kann man auf den 40-jährigen Demokratie-Vorsprung zurückführen.
Der autoritäre Staat hat immer mit struktureller Gewalt des Staates zu tun, das setzt sich natürlich in manchen Bürgern fest. Man hat dieses Reiz-Reaktions-Schema einfach im Kopf. Eine große Rolle spielt natürlich auch die Wende und Wiedervereinigung mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen.
Viele Menschen in Ostdeutschland hatten zu der Zeit der Vereinigung enorme Hoffnungen in die Demokratie gesetzt. Durch Schlagwörter wie „blühende Landschaften“ wurden diese Hoffnungen von der Politik bedient. Als dieses Synonym-Denken „Demokratie gleich Wohlstand“ sich nicht erfüllt hat, und die Angleichung an das westdeutsche Niveau nicht stattgefunden hat, war die Enttäuschung groß. Dazu erlebten die Menschen erstmals eine Angst, die sie noch nie hatten, die Existenzangst.
Das führte zu der Erkenntnis, dass früher, im autoritären Staat, doch nicht alles so schlecht war. Viele Menschen haben dann den Schritt aus dem sozialistischen System hin zur Demokratie gescheut, die mit höheren Risiken versehen ist. Die Leute sind mental in der DDR stehen geblieben. Das ist natürlich der ideale Nährboden für fremdenfeindliches Gedankengut und für Jugendliche, die sich dem aktionsorientierten Rechtsextremismus zuwenden. Rechtsextremismus hat es allerdings auch in der DDR schon gegeben.

Patrick Gensing: Natürlich sind die jetzt zu beobachtenden Phänomene Folgen des großen Transformationsprozesses. Auch in mehreren osteuropäischen Staaten verstärkten sich Nationalismus und völkische Ideologien deutlich. Dies ist auch ein strukturelles Problem. Ich sehe aber auch ein psychologisches Moment: Die „Arme–kleine-Deutsche“-Mentalität, die Opfermentalität - die sich in ganz Deutschland findet - scheint mir im Osten besonders ausgeprägt. Aber auch die Abgeschlossenheit der Gesellschaft scheint mir ein großes Problem. Der Osten bräuchte Unruhe, sagt Heitmeyer. Unbequeme Subkulturen und Initiativen, die Fragen stellen und so die bleierne Ruhe stören!

Patrick Gensing verweist auf Analysen des Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer:

„Die feindseligen Mentalitäten werden vor allem von den Älteren vertreten - und die Jüngeren bringen dann die Gewalt ins Spiel. Und dann wird eine Gesellschaft plötzlich nervös. Was die Älteren an Denkmustern jeden Tag am Stamm- oder am Abendbrottisch transportieren, das wird überhaupt nicht thematisiert. Es geht nicht darum, sich gegen rechtsextreme Gruppen zu versammeln, sondern die Stadtgesellschaft ist das Problem. Wenn man die Älteren nicht mit ins Boot bekommt, dann hat man ganz schlechte Karten.
Empirische Untersuchungen haben gezeigt: Ostdeutschland hat ein spezifisch siedlungsstrukturelles Problem - durch die vielen kleinen Gemeinden und Kleinstädte. Die gut ausgebildeten Menschen, die Widerworte geben, die wandern ab. Dadurch wird die Struktur immer homogener, sowohl sozial als auch von den Einstellungsmustern her. Und von homogenen Gruppen geht an vielen Stellen weit mehr Gefahr aus als von heterogenen Gruppen. Weiterhin herrscht ein hoher Konformitätsdruck in diesen kleinen Gemeinden, man kennt sich, es ist kaum möglich, alternative Bekanntschaften und Freundeskreise aufzubauen - anders als in Großstädten.“

(tagesschau.de: „Wir brauchen Unruhe in Ostdeutschland“)

Patrick Gensing arbeitet als Onlineredakteur für die Tagesschau sowie für das Politmagazin Panorama. Außerdem produziert er Fernsehbeiträge, unter anderem für das ARD-Nachtmagazin und Panorama. Gensing arbeitet auch im Bereich Hörfunk, unter anderem für NDR-Info. Seit Ende 2005 betreibt Gensing das Weblog npd-blog.info
Frank Jansen © Mike Wolff - Der TagesspiegelFrank Jansen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel und Experte in Sachen Berichterstattung über Rechtsextremismus. Der Journalist beschäftigt sich seit mehr als 17 Jahren mit dem Thema kennt sich in der rechtsextremen Szene bestens aus. 1995 erhielt er für seine journalistische Arbeit den Theodor-Wolff-Preis. 
 
 
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