Achtung, Interview!

Das Interview ist in der Berichterstattung über Rechtsextremismus eine umstrittene Darstellungsform. In der Vergangenheit liefen Fernsehinterviews aus dem Ruder, Journalisten waren nicht mehr Gesprächsleiter, sondern Zaungäste. Rechtsextreme, die mit Medien reden, sind gut geschult und bringen ihr Gedankengut gekonnt in das Gespräch ein. Deshalb müssen Journalisten besonders gut vorbereitet und sich über das Ziel des Gesprächs bewusst sein.

Wie Journalisten zum Sprachrohr umfunktioniert werden

„Journalisten sollten versuchen, sich selbst so oft es geht zu Wort zu melden, denn sobald Rechtsextreme in die Öffentlichkeit treten, haben sie nur noch eines im Hinterkopf: ihr Publikum. Sie wollen den Journalisten zu ihrem Sprachrohr umfunktionieren“, sagt Dr. Werner Bohleber, Psychoanalytiker, der sich in dem Projekt „Die Täter-Opfer-Falle“ mit Rechtsextremismus und Journalismus beschäftigt hat. Auch Thomas Pfeiffer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, hält das Interview mit Rechtsextremen für eine Gratwanderung. Das Für und Wider haben wir auf den folgenden Seiten zusammengetragen.

Womit muss man rechnen, wenn man Rechtsextreme interviewt?

Führen Journalisten Interviews mit Rechtsextremen, müssen sie sich darüber im Klaren sein, dass ihnen Menschen gegenüber stehen, deren Weltanschauung von Hass geprägt ist. Je nachdem, mit welcher Art von Rechtsextremen – Führungsmitglied oder Mitläufer – man es zu tun hat, wird dieser Hass entweder offen zur Schau gestellt oder hinter vermeintlichen Argumenten versteckt. Wird man während eines Interviews mit Provokationen oder Parolen konfrontiert, hilft es nicht, einfach darüber hinwegzugehen. Stattdessen muss man eindeutig und sofort reagieren. Der Journalist sollte Empörung und Unverständnis offen zeigen und seiner Zielgruppe somit signalisieren: Hier ist etwas nicht in Ordnung.

Rechtsextreme, die in Kontakt mit Medien stehen, sind im Umgang mit ihnen geschult und verstehen es, ihre Botschaften in salonfähige Worte zu kleiden. Die Aufgabe des Journalisten ist es, diese Rhetorik zu erkennen und nachzuhaken. Dabei sollte der Journalist souverän, gerade heraus und kompetent wirken. Rechtsextreme sind aufgrund ihres Weltbildes sehr autoritätsgläubig und respektieren vor allem tatkräftige und energische Menschen.

Von dem Gedanken, der Journalist könne den Rechtsextremen entlarven und zur Einsicht bewegen, darf Abstand genommen werden. Rechtsextreme sehen schwarz-weiß, für sie gibt es nur ein „entweder-oder“, kein „auch“. Sie sind deshalb logischen Argumenten oder einer offenen Unterhaltung nicht zugänglich.

Es ist wichtig zu wissen, dass Rechtsextreme häufig aus der bürgerlichen Mitte stammen und auf den ersten Blick sympathische Zeitgenossen sind. Doch Journalisten sollten sich davon nicht blenden lassen. Sie werden im Interview mit verkleideter Propaganda konfrontiert und müssen damit rechnen, dass dies bei ihnen selbst heftige Gefühle auslösen kann. Journalisten sollten sich über ihre persönliche Einstellung zum Rechtsextremismus bewusst sein, ihre Gefühle im Gespräch wahrnehmen, sich davon aber nicht lenken lassen.

Wie sollte man mit eigenen Vorurteilen umgehen?

Glatze, Springerstiefel, Bomberjacke. Das typische Klischee des Rechtsextremen ist schnell zur Hand, aber meistens nicht besonders nützlich. „Man muss sich seiner Vorurteile bewusst sein, darf sich aber nicht von ihnen leiten lassen“, sagt hierzu Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Vor dem Interview steht also immer die Selbstreflexion: der Journalist sollte sich seiner eigenen Erwartungshaltung bewusst werden und sie im Hinterkopf behalten. Gerade in Interviewsituationen, die live übertragen werden, ist diese Professionalität gefragt.

Persönliche Vorurteile führen in der Regel nur zu Aggressionen und Provokationen. Sie sind eine direkte Angriffsfläche, die sofort genutzt wird. Rechtsextreme Gesprächspartner werden Anschuldigungen oder Vorwürfe immer dazu nutzen, sich selbst und ihre Ansichten in Szene zu setzen. Der Journalist ist dann gescheitert, wenn es dem Rechtsextremen gelingt, sich als Opfer zu inszenieren. An dieser Stelle sollten Medienschaffende die Macht des Mikrofons nutzen: Rezipienten dürfen mit rechtsextremen Aussagen nicht alleine gelassen werden. Fragliche Äußerungen müssen in kommentierender Form eingeordnet werden – nicht beleidigend, aber deutlich.

Außerdem ist es laut Psychoanalytiker Werner Bohleber in kritischen Situationen hilfreich, von der Gesprächs- auf die Gefühlsebene zu wechseln. Journalisten dürfen also durchaus aussprechen, was ihnen während der Gesprächssituation durch den Kopf geht. Zwar ist Vorsicht vor Anschuldigungen und bloßen Vorurteilen geboten, das eigene Empfinden darf aber durchaus eingebracht werden. Eine Frage wie: „Sie wirken so ungehalten, was ist denn los?“ signalisiert Souveränität. Es ist klar, wer das Interview führt und der Interviewer durchbricht die festgefahren Argumentationsstruktur des Rechtsextremen.

Wie sollte man auf Provokationen reagieren?

„Ein normales Gespräch ist nicht möglich“, sagt Psychoanalytiker Werner Bohleber über Interviews mit Rechtsextremen. Sie suchen das Publikum und nutzen die Gelegenheit, ihr rechtes Gedankengut in die Welt hinauszutragen. Treten Rechtsextreme vor die Kamera oder stimmen sie einem Interview zu, sind sie in der Regel nicht unvorbereitet. „Sie konzentrieren sich auf wenige Themen, von denen sie hoffen, sie träfen den Nerv des kleinen Mannes“, beschreibt Sozialpsychologe Ulrich Wagner eine der Gesprächsstrategien Rechtsextremer.

In einem solchen Fall wird man es nicht mit offener Provokation zu tun bekommen. Statements klingen im ersten Moment harmlos, Argumente können nicht auf Anhieb widerlegt werden. Gerade deshalb muss sich der Journalist eine besondere Schwäche der Rechtsextremen zu Nutze machen. Rechtsextreme sind nicht flexibel, sondern bewegen sich lieber auf gewohntem Terrain. Läuft ein Gespräch also nicht, wie es sich der Rechtsextreme vorstellt, kann plötzlich Unvorhergesehenes passieren. Der Gesprächspartner wird laut, persönlich oder verkündet unverhohlen rechtsextreme Parolen. In einer solchen Situation gilt vor allem eins: Ruhe bewahren und auf keinen Fall einfach das Thema wechseln. Der Rezipient darf mit rechtsextremen Aussagen niemals alleine gelassen werden, stattdessen müssen sie vom Journalisten in irgendeiner Form eingeordnet werden.

In extremen Fällen wird das Gespräch nach einer kurzen Erklärung einfach abgebrochen. Meist ist es allerdings effektiver, den Rechtsextremen mit eigenen Gefühlen zu konfrontieren. „Ein Journalist sollte in kritischen Momenten aussprechen, was ihm durch den Kopf geht“, rät Bohleber. Der Wechsel von der Gesprächs- zur Gefühlsebene bringt Rechtsextreme aus dem Konzept. Das verschafft Zeit zum Überlegen, um das Interview doch noch zu retten. Denn fährt ein Rechtsextremer erst einmal aus seiner Haut, hat er sich schon ein Stück weit entlarvt.

Wie argumentieren Rechte?

Journalisten sollten davon ausgehen, dass zumindest Rechtsextreme der Führungsebene nie unvorbereitet zu einem Interview kommen. Sie werden sich vorzugsweise auf einige wenige Themen konzentrieren und diese vehement vertreten. Ins Wanken geraten sie, sobald sie flexibel auf verschiedene Fragestellungen eingehen sollen. Um diese Schwachstelle zu kaschieren, legen es Rechtsextreme häufig darauf an, das Gespräch zu dominieren und in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken. „Für Rechtsextreme sind Journalisten häufig nur ein Sprachrohr“, sagt hierzu Psychoanalytiker Werner Bohleber. Sie suchen das Publikum und die allgemeine Aufmerksamkeit, um ihre Ansichten unter das Volk zu bringen.

Dabei ist charakteristisch, dass Rechtsextreme ihren Hass selten vor laufender Kamera oder in anderen Live-Situationen offen zur Schau stellen werden. Ihr Fanatismus lässt sich allerdings immer hinter verqueren Antworten erahnen. „Dies ist besonders dann der Fall, wenn es um Reizthemen wie Ausländer, Fremde, Juden oder Frauen geht“, erklärt Bohleber. Journalisten haben also die Aufgabe, die vorformulierten Antworten der Rechtsextremen zu hinterfragen und so die dahinterliegenden Absichten ans Tageslicht zu bringen.

Dies gilt auch für zwei weitere Gesprächstaktiken der Rechtsextremen: wenn sie beispielsweise im Brustton der Überzeugung Behauptungen von sich geben, die auf die Schnelle nicht widerlegbar sind, oder Wissenschaftler und Politiker zitieren. Oft arbeiten sie in diesem Falle mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, so dass die zitierten Personen scheinbar die Argumente der Rechtsextremen unterstützen. Dann hilft meist nur eins: unklare Aussagen nicht einfach stehen lassen, sondern im Sinne der Rezipienten nachfragen. Wer hat das warum und zu welchem Zeitpunkt gesagt? Meist reicht dieses kurze Nachhaken, um den Rechtsextremen aus dem Konzept zu bringen.

Journalisten sollten hingegen nicht versuchen, Rechtsextreme von ihrer festgefahrenen Meinung abzubringen. Sie haben ein klar umrissenes Weltbild und sind Argumenten nicht zugänglich. Man wird nichts erreichen und läuft Gefahr, mit dem moralischen Zeigefinger auf den rechtsextremen Gesprächspartner zu zeigen. Der Zielgruppe könnte so das Gefühl vermittelt werden, der Rechtsextreme solle „vorgeführt“ werden, wodurch er als Opfer dastünde.

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