„Rechtsextreme sind Wölfe im Schafspelz“

Wie Medien den Rechtsextremismus präsentieren, hat der Psychoanalytiker Werner Bohleber in dem Projekt „Die Täter-Opfer-Falle“ untersucht. Für dieses Projekt erarbeiteten Journalisten und Psychoanalytiker gemeinsam Strategien und Empfehlungen zum Thema Rechtsextremismus. Im Interview spricht Bohleber über die Frage der Interview-Vorbereitung und den Umgang von Journalisten mit eigenen Vorurteilen und Affekten.

Ist das Interview eine geeignete Darstellungsform im Umgang mit Rechtsextremen?

Werner Bohleber: Warum nicht – so lange es sich nicht um ein Live-Interview handelt. Gerade im Umgang mit Rechtsextremen sollte ein Journalist immer die Möglichkeit haben, das gesammelte Material noch einmal zu sichten und auszuwerten – und erst im Nachhinein zu entscheiden, was dem Rezipienten zugemutet werden kann und was nicht. Rechtsextreme Aussagen sollten immer eingeordnet werden, das kann bei Live-Übertragungen schwierig werden. Eine Ausnahme bilden hier natürlich Wahlabende – denn bei solchen Veranstaltungen können Rechtsextreme nicht einfach ignoriert werden. In einem solchen Fall zählt gute Vorbereitung und Souveränität.

Auf dem Plan steht ein Interview mit Rechtsextremen. Womit muss ich rechnen?

Man kann mit einem Rechtsextremen kein normales Gespräch führen – denn an der Basis rechtsextremen Redens liegt immer der Hass. Es findet weder ein Austausch von Argumenten statt noch können eigene Ansichten adäquat vertreten werden. Im Gespräch mit Rechtsextremen muss man vor allem mit einem rechnen: Fanatismus. Niemals darf man den Fehler machen, einen Rechtsextremen vom Gegenteil seiner Ansichten überzeugen zu wollen – das wird nicht funktionieren. Vielmehr sollte der Journalist versuchen, sich selbst so oft es geht zu Wort zu melden, denn sobald Rechtsextreme in die Öffentlichkeit treten, haben sie nur noch eines im Hinterkopf: ihr Publikum. Sie wollen den Journalisten zu ihrem Sprachrohr umfunktionieren und die Gelegenheit eines öffentlichen Auftrittes zur Verkündung ihrer Ansichten nutzen.

Das Muss bei einem Gesprächstermin mit Rechtsextremen ist deshalb: eine gute Vorbereitung und genaue Kenntnisse der Argumentationsweise Rechtsextremer. So wird man beispielsweise höchst selten einer offenen Zurschaustellung von Hass begegnen, man kann ihn allerdings hinter verqueren Argumenten erahnen. Besonders dann, wenn es um Reizthemen wie Ausländer, Fremde, Juden oder Frauen geht. Wichtig ist, sich nicht einlullen zu lassen, sondern die rechtsextremen Aussagen immer wieder zu hinterfragen, um so die wirklichen, die hintergründigen Ansichten ans Tageslicht zu bringen.

Wie sieht die optimale Vorbereitung auf ein Interview mit Rechtsextremen aus?

Dafür gibt es keine Faustregel. Was man braucht ist Erfahrung und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Die Gefahr in Interviewsituationen mit Rechtsextremen ist immer, dass starke Affekte ins Spiel kommen. Hierin liegt die Schwierigkeit.

Wie reagiere ich auf rechtsextreme Äußerungen?

Die normale Reaktion des Journalisten auf eine rechtsextreme Äußerung ist im ersten Moment Schock. Allerdings darf dieser Schock nicht unterdrückt werden. Der Interviewer muss ihn bewusst wahrnehmen, um damit umgehen zu können. Das Dümmste, was man in so einer Schock-Situation tun kann, ist einfach zu schweigen oder das Thema zu wechseln – denn das macht den Journalisten zum Komplizen des Rechtsextremen.

Stattdessen gibt es zwei Möglichkeiten: der Interviewer kann je nach Härtegrad der Äußerung das Gespräch abbrechen oder den Rechtsextremen mit seinen Affekten konfrontieren – das wird ihn aus dem Konzept bringen. Sprechen Sie also ruhig aus, was Ihnen durch den Kopf geht. Darauf muss der Rechtsextreme erst einmal reagieren – und in der Regel haben diese Leute ein Problem mit Gefühlen und der Konfrontation mit ihnen. Also: ein Journalist sollte aufsteigende Affekte nicht blockieren, sondern sie zulassen, wahrnehmen und zu seinem Vorteil nutzen.

Wie vermeide ich es, dass Rechtsextreme sich als Opfer inszenieren?

Als Journalist sollte man den Rechtsextremen nicht von vorneherein verteufeln, denn das beschwört starke Affekte beim Leser oder Zuschauer. Stattdessen sollte sich der Interviewer auf nachvollziehbare Weise mit den Argumenten des Rechtsextremen auseinandersetzen. Dabei sollte sich der Journalist darüber im Klaren sein, dass seine eigenen (negativen oder angstbeladenen) Gefühle gegenüber dem Rechtsextremen keine Schwäche sind – im Gegenteil.

Im Interview mit Rechtsextremen geht es nicht um normale Kommunikation. Es geht darum, den Rechtsextremen zu entlarven. Und da Rechtsextreme weder einsichtig noch für normale Argumente zugänglich sind, können sie in der Regel mit Gefühlen schwer umgehen. Ein Journalist sollte diese Schwäche nutzen und seine eigenen Empfindungen ins Spiel bringen. Im Prinzip ist ein Rechtsextremer im Interview nichts anderes als ein Wolf im Schafspelz. Ihre Aufgabe ist es, den Wolf zu zeigen.

Sollte ich Rechtsextreme zitieren?

So lange die Zitate vom Journalisten in einen geeigneten Kontext gestellt werden, ist dagegen nichts einzuwenden. Dies bietet sich natürlich vor allem in den Printmedien an. Wichtig ist, rechtsextreme Aussagen zu erklären und die Empfänger damit nicht alleine zu lassen. Journalisten dürfen allerdings auch nicht über das Ziel hinausschießen: steht ein Rechtsextremer am Ende als Opfer da, könnte der Empfänger mit ihm sympathisieren.

Welche Darstellungsform ist besonders geeignet, um über Rechtsextreme zu berichten?

Bis auf ein Live-Interview kann eigentlich jede Darstellungsform gewählt werden. Aber Vorsicht, wenn mit Bildern gearbeitet werden soll, denn Bilder haben eine starke Wirkung. Sie können zum Beispiel ängstigen oder den Betrachter dazu bringen, sich mit dem Abgebildeten zu identifizieren. Journalisten sollten also dringend darauf achten, dass sie Rechtsextremen durch eine unpassende Bebilderung ihres Artikels nicht in die Hände arbeiten.

Dr. Werner Bohleber ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Frankfurt am Main.
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