„Rechtsextreme führen keine normalen Gespräche“

Dr. Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Er erforscht konflikthafte Beziehungen zwischen Gruppen - insbesondere Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt. Er sucht nach Möglichkeiten, diese Konflikte zu erklären und ihnen vorzubeugen. Im Interview spricht er über rechtsextreme Gesprächsstrategien, Argumentationen und offene Provokationen. Wir haben sie jeweils um zentrale Aussagen aus dem Interview mit dem Psychoanalytiker Dr. Werner Bohleber ergänzt.

Gibt es bestimmte Gesprächsstrategien Rechtsextremer?

Ulrich Wagner: Im Gespräch mit Rechtsextremen gibt es tatsächlich bestimmte Verhaltensweisen, die sich wiederholen. Allerdings ist hier zwischen der intellektuellen Elite und dem gewöhnlichen Rechtsextremen zu unterscheiden. Von Politikern kann beispielsweise angenommen werden, dass sie vor einem Interview – besonders in Live-Situationen – entsprechend gebrieft werden. Sie sind in der Regel darauf aus, das Gespräch zu dominieren und in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken.

Werner Bohleber: Man muss erkennen, dass man mit einem Rechtsextremen kein normales Gespräch führen kann – denn an der Basis rechtsextremen Redens liegt immer der Hass. Es findet weder ein Austausch von Argumenten statt noch können eigene Ansichten adäquat vertreten werden. Man darf niemals den Fehler machen, einen Rechtsextremen vom Gegenteil seiner Ansichten überzeugen zu wollen – das wird nicht funktionieren.

Können Journalisten diese Gesprächsstrategien knacken?

Wagner: Das würde ich als eher schwierig einschätzen. Dafür hat der Journalist einen entscheidenden Vorteil: die Macht des Mikrofons. Es liegt beim Interviewer, nach einem Gespräch eine eigene Einschätzung in Form einer kurzen (und wertenden) Zusammenfassung zu liefern. Bei Print-Medien gestaltet sich dies noch einfacher als bei einem Live-Interview: der Journalist hat die Möglichkeit, zu selektieren und meinungsbetont zu schreiben. Eine objektive Berichterstattung halte ich für schwierig. Natürlich birgt eine solche Vorgehensweise aber auch die Gefahr, keine Autorisierung des Interviews durch den Rechtsextremen zu bekommen.

Bohleber: Das Muss bei einem Gesprächstermin mit Rechtsextremen sind eine gute Vorbereitung und genaue Kenntnisse der Argumentationsweise Rechtsextremer. So wird man beispielsweise höchst selten einer offenen Zuschaustellung von Hass begegnen, man kann ihn allerdings hinter verqueren Argumenten erahnen. Besonders dann, wenn es um Reizthemen wie Ausländer, Fremde, Juden oder Frauen geht.

Wichtig ist, sich nicht einlullen zu lassen, sondern die rechtsextremen Aussagen immer wieder zu hinterfragen, um so die wirklichen, die hintergründigen Ansichten ans Tageslicht zu bringen. Der Journalist sollte versuchen, sich selbst so oft es geht zu Wort zu melden, denn sobald Rechtsextreme in die Öffentlichkeit treten, haben sie nur noch eines im Hinterkopf: ihr Publikum. Sie wollen den Journalisten zu ihrem Sprachrohr umfunktionieren und die Gelegenheit eines öffentlichen Auftrittes zur Verkündung ihrer Ansichten nutzen.

Sollten Journalisten im Gespräch mit Rechtsextremen provozieren?

Wagner: Ich würde denken, so etwas hat wenig Sinn. Eine derartige Strategie zieht ja nicht einmal bei Politikern, die nicht der rechtsextremen Szene zugewandt sind. Wenn ein Journalist seinem Gesprächspartner vor Augen führt, welche seiner Aussagen widersprüchlich sind, verhärtet dieser sich eher, als dass er sich öffnet. Eine Ausnahme könnte sein, wenn man als Journalist für ein Interview sehr viel Zeit zur Verfügung hat. Im Laufe eines ausführlichen Gesprächs kann Provokation sicher mehr Sinn machen, als wenn man nur ein drei oder vier Sekunden langes Statement einfangen möchte. Unter Umständen kann Provokation dann durchaus dazu führen, dass der Rechtsextreme sich nicht mehr mit ständig wiederholten Stereotypen behelfen kann.

Bohleber: Nein, denn das beschwört starke Affekte beim Leser oder Zuschauer. Stattdessen sollte sich der Interviewer auf nachvollziehbare Weise mit den Argumenten des Rechtsextremen auseinandersetzen. Dabei sollte sich der Journalist darüber im Klaren sein, dass seine eigenen (negativen oder angstbeladenen) Gefühle gegenüber dem Rechtsextremen keine Schwäche sind – im Gegenteil. Im Interview mit Rechtsextremen geht es nicht um normale Kommunikation. Es geht darum, den Rechten zu entlarven. Und da Rechtsextreme weder einsichtig noch für normale Argumente zugänglich sind, können sie in der Regel mit Gefühlen schwer umgehen. Es bringt sie aus dem Konzept.

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