Selektive Wahrnehmung von Gewalt

Im Jahr 2000 gab es den so genannten „Aufstand der Anständigen“. Auslöser waren unter anderem der Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge und der Fall Sebnitz, wo angeblich ein kleiner Junge in einem Schwimmbad von Rechtsextremisten ertränkt worden war. Diese Attentate sorgten für unglaubliche Aufmerksamkeit in den Medien, letztlich konnten aber beide Fälle nicht Rechtsextremisten zur Last gelegt werden.

Nur wenige Wochen davor war in Dessau (Sachsen-Anhalt) der Mosambikaner Alberto Adriano von drei betrunkenen Neonazis zusammengeschlagen worden. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Dieser Fall hat bei weitem nicht soviel Resonanz in den Medien erhalten wie die beiden anderen Fälle.
Hier herrscht ein extremes Ungleichgewicht in der Wahrnehmung.

Dazu der Journalist Frank Jansen:

„Und so passiert es immer wieder. Ich denke es wäre notwendig, kontinuierlich und nachhaltig über Rechtsextremismus zu berichten. Den Lesern permanent zeigen, was sich in dieser Szene abspielt. Es gibt da eben nicht nur einige „Höhepunkte“, sondern es handelt sich um einen dauerhaften und nicht zu unterschätzenden Skandal.“

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) der Ludwig-Maximilians-Universität München Britta Schellenberg meint:

„Meine Empfehlung wäre, die Gewalttaten nicht so sehr ins Zentrum des Berichts zu stellen, sondern sie höchstens als Anlass für eine breitere Berichterstattung oder eine Hintergrundberichterstattung zu nehmen.“

Der Experte für Rechtsextremismus und Jugendkulturen Professor Dr. Kurt Möller von der Hochschule Esslingen sagt:

„Einem verantwortungsvollen Journalismus bleibt gar nichts anderes übrig, als antizyklisch zu recherchieren und zu berichten, also auch gerade in der Talsohle der Themenkonjunktur, die Dauerhaftigkeit und Hartnäckigkeit der gesellschaftlichen Problemlage Rechtsextremismus und die Notwendigkeit ihrer ursachenbezogenen Bearbeitung im Bewusstsein zu halten.“

Die Journalistin Andrea Röpke kritisiert:

„Ich bin mit der Berichterstattung über Rechtsextremismus nicht so zufrieden. Ich denke, wir lassen uns da punktuell viel zu sehr von so genannten Hypes steuern, anstatt kontinuierlich, nachhaltig und vor allen Dingen fundamental investigativ zu berichten.“

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