„Man darf die Szene nicht unterschätzen“

Andrea Röpke ist eine freie Journalistin, die seit vielen Jahren für Fernsehen und Nachrichtenmagazine über Rechtsextremismus berichtet. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen in gefährlichen Situationen mit Neonazis und gibt Tipps für den Umgang mit Rechtsextremen.

Sie haben beruflich viel Kontakt zu Rechtsextremisten gehabt. Was empfehlen Sie Journalisten für solche Gespräche?

Andrea Röpke: Professionelles, normales Verhalten ist wichtig, aber man sollte besonders gut vorbereitet sein. Ich würde versuchen vor jedem Gespräch mit Neonazis herauszufinden: wie ist ihr politischer Werdegang und wo sind ihre Schwachstellen? Man darf die Szene nicht unterschätzen. Wenn ich schon mit ihnen reden muss oder sie interviewe, dann mache ich das nur um inhaltlich etwas Wichtiges in Erfahrung zu bringen. Beim Gespräch ist insofern Vorsicht angesagt, als dass die natürlich auch etwas erfahren wollen über uns. Daher sollte man sich auch nicht von Emotionen steuern und aus der Ruhe bringen lassen. Ich bin sehr für Abgrenzung von den menschenverachtenden Anführern, man sollte sich nur mit ihnen unterhalten, wenn es wirklich wichtig ist. Ansonsten werten wir Journalisten sie mit Gesprächen auf – und machen sie hoffähig. Sie lernen uns kennen und wissen wie WIR arbeiten.

Darf ich als Journalist im Gespräch provozieren? Wie weit darf ich gehen?

Das ist eine Frage des journalistischen Ethos: Wie weit geht man, was macht man? Eine grundsätzliche Frage. Es geht um menschenverachtende, rassistische und auch um gewaltbereite Politik. Die Neonazis, auch die Biedermänner der NPD, befürworten die Gewalt. Das sieht man an den steigenden Zahlen von Gewalttaten, aber auch an den Angriffen direkt auf Journalisten. Das heißt, die Gewalt gehört zur rechten Szene. Manche verbergen sie nur hinter ihrem gewollten Biedermann-Image. Meiner Ansicht nach geht es im Gespräch mit Neonazis in erster Linie darum, sie mit einer Tatsache zu konfrontieren - also zu zeigen: hier sind sie , sie zu enttarnen. Die zweite Möglichkeit ist etwas Wichtiges in Erfahrung zu bringen, Lücken zu schließen. Ansonsten würde ich kein Gespräch mit einem Neonazi-Kader suchen.

Für Sie gab es unzählige brenzlige Situationen. Welche Distanz sollte aus Ihrer Sicht zwischen dem Journalisten und Rechtsradikalen gewahrt sein?

Es kommt darauf an, um was für eine Veranstaltung es sich handelt. Wenn das ein NPD-Aufmarsch ist, der von der Polizei begleitet wird, dann kann man dort ziemlich problemlos rumlaufen. Jedoch sollten Journalisten vorsichtig sein, dass sie nicht zwischen die Fronten geraten oder als Schutzschild benutzt werden. Und immer einen Blick zur Seite: Die hauen gern mal im Tumult auf die Linse!!

Es kann passieren, dass sie bei internen Wahlveranstaltungen Journalisten einen Bewacher zur Seite stellen, schubsen oder sogar bedrohen. Wirklich gut darauf vorbereitet sein und nicht zu naiv an so etwas heran gehen! Wichtig ist es auch, sich als Presse zu erkennen zu geben. Also am besten im Vorfeld mit der Polizei sprechen, sagen, dass man vor Ort ist und eventuell Probleme bekommen könnte. Das heißt: Immer absichern und die Szene nicht unterschätzen. Da diese nicht nur körperlich, sondern auch juristisch mit unfairen Bandagen kämpfen. Und ich kann nur empfehlen: Machen Sie nichts alleine! Fragen Sie erfahrene Kollegen beziehungsweise haben Sie immer Zeugen dabei, wenn Sie in der rechten Szene etwas unternehmen.

Sie wurden bereits selbst angegriffen, etwa in Blankenfelde. Welche Tipps können Sie Journalisten geben? Kann man Angriffe verhindern, beziehungsweise wie sollte man im Ernstfall reagieren?

Na ja, wir versuchen immer sehr vorsichtig zu sein. Ich hab schon weitaus gefährlichere Situationen erlebt als an diesem Novembertag in Blankenfelde. Wenn zum Beispiel kein Mensch in der Umgebung war, wenn wir näher dran waren und es wesentlich heikler zu sein schien. In Blankenfeld im Supermarkt, morgens um zehn Uhr an einem belebten Samstag, verfolgten uns zwei Nazis, einer von ihnen schlug mich nieder. Damit konnte man, glaube ich, wirklich nicht rechnen. Wir waren sehr defensiv, haben aus über 100 Meter Entfernung eine konspirative Nazi-Veranstaltung vor einer Gaststätte gefilmt und fotografiert. Dazwischen lag eine befahrene Straße – und, wie gesagt, es liefen überall Menschen herum. Wir hatten zuvor auch die Polizei informiert. Bei diesem Vorfall, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was man da noch hätte ändern oder besser vorbereiten können! Da war soviel Öffentlichkeit, soviel Distanz, soviel Vorbereitung - ich weiß wirklich nicht.

Wer über Rechtsextremismus berichtet, sollte grundsätzlich nie alleine, am besten immer zu zweit – mindestens zu zweit - mit dem Kameramann oder dem Fotografen unterwegs sein. So kann man bei Not filmisch aufzeichnen und ist damit auch etwas besser abgesichert. Das schützt Journalisten. Bei heiklen Veranstaltungen würde ich auf jeden Fall mit der Polizei kooperieren. Denn eine relativ neue und beliebte Variante der Neonazis ist es, insbesondere bei geheimen Veranstaltungen, Journalisten wegen allem und jedem anzuzeigen. Also immer wieder auf der Hut sein und immer ein paar Zeugen dabei haben. Lieber mehr dokumentieren als erforderlich. Das ist wirklich eine unberechenbare, beziehungsweise bei guter Vorbereitung: berechenbare Szene.

Andrea Röpke ist Politologin und freie Journalistin. Sie hat sich auf die Themen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus spezialisiert. Sie arbeitet für Fernsehmagazine wie Panorama und Spiegel TV und die Zeitschriften Spiegel, Focus und Stern. 2007 erhielt sie mit zwei anderen Kollegen den Medienpreis „Leuchtturm“ des Netzwerk Recherche für besondere publizistische Leistungen zum Themenfeld Rechtsextremismus. Sie hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht und ist vom Medium Magazin zur „Journalistin des Jahres“ gewählt worden.
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