„Es ist wichtig fair zu bleiben“
Dierk Borstel arbeitet für die Aussteigerhilfe Exit. Er ist nah dran an Rechtsextremen, spricht mit ihnen, setzt sich mit ihnen und ihren Familien auseinander. Im glücklichsten Fall verhilft er zum richtigen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene. Im Interview gibt er Journalisten Tipps für die Berichterstattung über rechtsextreme Jugendliche und Aussteiger. Er schildert typische Einstellungen und Denkmuster
Wie stellen Journalisten am besten Kontakte in die rechtsextreme Szene her?
Dierk Borstel: Bei rechtsextremen Organisationen wie der NPD stellen Journalisten am besten Kontakte über den Pressesprecher her. Solche Organisationen sind sehr kommunikativ. Da haben Journalisten am Ende eher das Problem diese Leute nicht mehr los zu werden. Schwieriger wird es bei verdeckten Strukturen wie Kameradschaften oder bei autonomen Nationalisten. Mein Tipp: Es ist immer noch ideal Gesicht zu zeigen, zum Beispiel zu rechtsextremistischen Treffpunkten oder Veranstaltungen fahren, um dann dort direkte Kontakte zu knüpfen. Solche Treffpunkte und Veranstaltungen kennen Experten oder sie stehen im Internet.
Und wie kommen Journalisten am besten zu Kontakten von Aussteigern?
Das ist schwieriger. Natürlich gibt es Aussteiger, die in die Öffentlichkeit gegangen sind und nun zum Beispiel eigene Internetseiten haben. Über diese Websites können Journalisten versuchen Aussteiger zu kontaktieren. Nun ist Aussteiger aber kein Beruf, sondern ein Lebensabschnitt und es liegt am Aussteiger selbst, ob er mit Medien kooperieren möchte. Unsere Erfahrung zeigt: Es gibt Aussteiger, die das professionell machen. Diese gehen in die Öffentlichkeit, um Präventionsarbeit zu leisten, mitunter auch als Wiedergutmachung. Und dann gibt es Aussteiger, die sich noch in einer brisanten Sicherheitslage befinden. Hier raten wir von einer Medienkooperation ab.
Sollten Journalisten eher mit den Mitläufern, mit den Führern oder mit den Ideologen reden?
Das kommt immer auf das Interesse der Berichterstattung an: Wollen Journalisten über Jugendkulturen im Rechtsextremismus berichten, empfehle ich mit Mitläufern zu reden. Will man aber etwas über rechtsextreme Strukturen wissen, sollte die Führerschaft angesprochen werden.
Welche Umgebung wählen Journalisten für ein Gespräch?
Den einen kriegen Journalisten nur am Telefon, den anderen per Mail, den nächsten im Café und einen anderen wieder nur zu Hause. Das höchste Gebot ist: Sich nicht in Gefahr zu begeben. Wenn ein Journalist ein bekanntes Gesicht hat, würde ich mich also nicht verdeckt in ein Rechtsrock-Konzert einschleusen und mir eine Eselsmütze aufsetzen.
Angenommen der Kontakt zu einem jugendlichen Aussteiger ist hergestellt: Wie sollen Journalisten am besten mit ihnen umgehen und wie sollten sie über diese Personen berichten?
Ich würde da nie ein Fass aufmachen. Das sind auch ganz normale Menschen und da müssen Journalisten auch die journalistische Ethik und das ganz normale Handwerkszeug beachten. Wichtig ist nur fair zu bleiben. Aussteiger wollen nicht das Gefühl bekommen über das Ohr gehauen zu werden. Genau das haben sie in der rechtsextremistischen Szene erlebt.
Problematisch wird es, wenn die Berichterstattung ein einseitiger Akt ist, wenn es keine Empathien für den Aussteiger gibt, sondern nur noch die Vermarktung der Geschichte zählt. Da hatten wir schon Situationen, die extrem ausgenutzt wurden. Da haben Journalisten Informationen abgeschöpft, ohne Rücksicht auf Verluste und die Sicherheit von Aussteigern sowie deren Umfeld. Je tiefer nämlich die Zugehörigkeit zur rechtsextremistischen Szene war und je mehr verdecktes Wissen vorhanden ist, umso größer ist die Gefahr. Das geht von Bedrohungen bis zu realen Gewalttaten oder soweit, dass Aussteiger eine neue Identität annehmen müssen. Deshalb sollten Journalisten immer die Sicherheitsfrage beachten und konkrete Absprachen zur Veröffentlichung von Aussagen einhalten.
Zudem ist der Ausstieg ein komplexer Prozess: Wenn man zehn bis fünfzehn Jahre in einer autoritären Struktur gelebt hat, dann hat man entweder Gefolgschaft oder Führerschaft erlernt. Und wenn man Gefolgschaft gelernt hat, dann ist man banale Dinge nicht mehr gewohnt - wie sich selber den Tag zu gestalten oder zu entscheiden welche Musik man hört. Für die Rechtsextremen wird entschieden. Aussteiger gehen also einen schwierigen Weg von einer führerabhängigen zu einer selbstentscheidenden und selbstentwickelnden Persönlichkeit. Und je mehr Platz für die Berichterstattung vorhanden ist, umso besser kann ich diesen komplexen Prozess darstellen.
Dierk Borstel ist Diplom-Politologe und ein Experte in Sachen Rechtsextremismus. Seit elf Jahren ist er Mitarbeiter der Aussteigerhilfe EXIT Deutschland. Außerdem ist Borstel wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum Demokratische Kultur. Dort leitet er das Projekt „Community Coaching“, das sich gegen lokalen Rechtsextremismus wendet.
Lesen Sie, welche Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten in der Szene vorkommen.
Tags: Aussteiger, Ideologie, Jugendliche, Medien, Rechtsextremismus
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