Totschweigen - Ein grobes Foulspiel

Die Ausschreitungen in italienischen Fußballstadien sorgten 2007 weltweit für ein großes Medienecho. In vielen Fällen waren es ultranationale Fangruppen, die dem Fußball im Land des Weltmeisters einen katastrophalen Imageschaden zufügten. Doch Rechtsextremismus und Rassismus in Stadien ist auch in Deutschland ein bekanntes Phänomen. Besonders im Osten tritt das Problem offen zu Tage. Hier versuchen Neonazis systematisch, unterklassige Vereine zu unterwandern und „Kameraden“ zu rekrutieren.

Ist das Thema Rechtsextremismus vor allem ein Problem des Fußballs?

„Die Rechten wollen ein Höchstmaß an Öffentlichkeit, deshalb der starke Fokus auf Fußball“, sagt Kai Mudra, Redakteur der Thüringer Allgemeinen. Er beobachtet das Phänomen seit Jahren und ist sich sicher: „Wenn im Volleyball oder Handball eine ähnliche Öffentlichkeitswirkung zu erzielen wäre, wären die Nazis auch dort.“ Der Fußball werde in der Gesellschaft besonders stark wahrgenommen, dies spiele den Rechtextremen in die Hände, sagt auch der Sportsoziologe Professor Gunter-A. Pilz. „Es ist kein fußballspezifisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.“
Neben dem Fußball sind vor allem im Osten Kampfsportvereine betroffen. Dort bieten Rechtsextreme die besonders für Jugendliche attraktiven Sportarten wie Judo, Karate, Kickboxen oder Streetfight an und rekrutieren darüber ihre Anhänger. Außerdem werden vorzugsweise Kraftsport- und Bodybuildingvereine von Neonazis unterwandert.
Professor Gunter-A. Pilz wünscht sich, „dass man auch mal in Verbände reinschaut, die aufgrund ihrer historischen Tradition sehr viel deutschtümelnder als der Fußball sind.“ Als Beispiele nennt er Turnen und Schießen. Diese Sportarten stünden nicht im öffentlichen Fokus, daher würde selten publik, was dort in Kneipen und Übungsstunden geschehe.

Rechtsextreme Fußballfans – vor allem ein Ostproblem?

Nein, das Problem der rechtsextremen Fußballfans gibt es auch im Westen. Dort würden die Akteure jedoch wesentlich subtiler und vorsichtiger auftreten, sagt Professor Gunter-A. Pilz. Der Sportsoziologe nennt dafür einen Grund: „Im Westen wachsen oft Leute mit immer höherem Bildungsniveau in diese Denkstrukturen hinein. Die überlegen sich natürlich sehr genau, wie sie ihre gesellschaftliche Position halten können - und wie eben nicht.“
In ostdeutschen Fußballstadien findet Rechtsextremismus einen fruchtbaren Nährboden. Vereine wie Dynamo Dresden oder Lokomotive Leipzig haben mit rechtsextremen Fußballanhängern zu kämpfen. Wichtig: Auch andere Klubs müssen sich mit solchen „Splittergruppen“ auseinandersetzen.
Ostdeutsche Jugendliche plagen oft Zukunftsängste, es fehlt ihnen die Perspektive. Sie haben dadurch weniger zu verlieren und sind empfänglicher für rechtes Gedankengut. Der Fußballverein beziehungsweise die befreundeten „Fans“ geben ihnen Halt. Auf diese Gruppe gehen die Rechtsextremisten zu und bieten „einfache Lösungen“ ihrer Probleme an. „Sie haben den Vorteil, diese Lösungen politisch gar nicht praktizieren zu müssen. Sie verpacken sie nur in Parolen und finden dadurch schneller zu ihrer Klientel“, berichtet ein ARD-Reporter, der das Thema für eine Fernsehdokumentation beleuchtet.

Rechtsextreme Vorfälle in Stadien – was tun?

Journalisten sollten rechtsextreme Vorkommnisse in Sportstätten auf keinen Fall ignorieren. Und zwar unabhängig von der Sportart, von der Leistungsklasse und vom Ausmaß. Ob Sprechchöre oder Plakate: Journalisten sollten diese Zwischenfälle registrieren und anschließend recherchieren. Auch wenn man sich dem betroffenen Verein verbunden fühlt – Totschweigen ist fatal. Meist reicht ein Nebensatz im Spielbericht nicht aus. Man muss sich mit dem Thema tiefer befassen. Journalisten sollten sich bei den Beteiligten und Verantwortlichen umhören. Eine Anlaufstelle können dabei auch vereinsunabhängige Fanprojekte sein. „Die Mitarbeiter dort kennen diesen Mikrokosmos“, berichtet Sportjournalist Ronny Blaschke. Als Leitlinie gilt: „Die Geschichte erst bringen, wenn sie rund ist. Das kann auch einen Tag später sein.“

Kritische Berichterstattung: Was können Sportjournalisten leisten?

Es gibt viele Initiativen, die sich den Kampf gegen Rechtsextremismus auf die Fahnen geschrieben haben. Auch der Deutsche Fußballbund engagiert sich. „Journalisten können die Bemühungen und Aktionen der Vereine und Verbände nach außen tragen und deutlich machen: Die stellen sich dem Problem“, sagt Sportsoziologe Gunter-A. Pilz. Journalisten sollten auch kleinere Aktionen auf lokaler Ebene berücksichtigen. „Wenn keiner hinguckt, machen die natürlich was sie wollen“, sagt der Journalist Kai Mudra. „Medien können mithelfen, wenn sie kleinen Vereinen deutlich machen, dass sie beobachtet werden“, sagt Professor Gunter-A. Pilz. Wichtig auch hierbei: Die Objektivität. „Dazu muss man sich immer wieder zwingen“, macht Ronny Blaschke deutlich.
Man müsse sich stets darüber im Klaren sein, dass das Thema Rechtsextremismus auf große Resonanz stoße, sagt der Sportjournalist: „Wenn ich über ein Bundesligaspiel berichte, geht das in der Masse der Medien unter. Wenn ich rechtsextreme Fangruppierungen analysiere und sie hinterfrage, dann fällt das auf. Die Berichterstattung wird in der Szene sehr kritisch aufgenommen, die Resonanz ist also automatisch viel größer.“

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