Ein Rassismus-Vorwurf und seine Folgen
Es war der zweite Bundesliga-Spieltag im August 2007. Nach dem prestigeträchtigen Duell zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund sorgte ein Rassismus-Vorwurf für Schlagzeilen.
Die Beteiligten
Gerald Asamoah, dunkelhäutiger Fußballprofi in Diensten von Schalke 04, und Roman Weidenfeller, Torwart der Dortmunder Borussia.
Der Vorwurf
Weidenfeller soll den deutschen Nationalspieler Asamoah während des Revierderbys als „schwarzes Schwein“ bezeichnet haben. Oder doch als „schwules Schwein“? Oder als „Schwabbelschwein“? Die Fernsehbilder zeigen, dass der emotional aufgebrachte Weidenfeller einige Worte Richtung Asamoah brüllt. Noch während des Spiels entschuldigt er sich bei Asamoah.
Die Reaktion
Das Thema sorgt am Sonntag, einen Tag nach dem Spiel, für Schlagzeilen. Erst auf Nachfrage einer Zeitung bestätigt Asamoah nach der Partie: „Ja, er hat mich ‚schwarzes Schwein’ genannt.“ Nachdem das Blatt über den Rassimus-Vorwurf Asamoahs berichtet hat, ziehen verschiedene Online-Portale nach. Ob „schwarz“, „schwul“ oder „Schwein“ - meist tauchen die Wörter in den Überschriften auf und sorgen für Aufmerksamkeit beziehungsweise Klicks.
Die Fakten sind nicht eindeutig: Roman Weidenfeller streitet den Vorwurf vehement ab. Dennoch titelt am Montag eine Zeitung mit der Überschrift „Rassismus: Asamoah im Derby beleidigt“. Ein Boulevardblatt sowie eine Sportsendung setzen sogar Lippenleser ein, die den Vorwurf bestätigen sollen.
Dazu Sportsoziologe Gunter-A.Pilz von der Universität Hannover:
„Rassismus ist kein Thema, mit dem man Schlagzeilen machen sollte. Zumindest dann nicht, wenn das nur im Eigeninteresse geschieht. Wer so etwas tut, handelt zutiefst unmoralisch und verstößt gegen jegliche Prinzipien des Journalismus. An dem Beispiel sieht man, wie gefährlich es ist, wenn man als Journalist nicht sensibel genug reagiert.“
Einige Medien haben es offenbar versäumt, tiefer zu recherchieren beziehungsweise die Faktenlage den aktuellen Tatsachen entsprechend darzustellen. Zudem wäre es wohl sinnvoller gewesen, eher Hintergrundinformationen als bloße Schlagzeilen zu veröffentlichen.
Sportjournalist Ronny Blaschke kommentiert:
„Der Fall zeigt, wie unreflektiert und gedankenlos manche Medien teilweise berichten. Die Jagd nach Nachrichten und Überschriften nimmt zu. Im vorliegenden Fall wollte jeder der erste sein, der den ‚Skandal’ aufdeckt. Aber man macht sich keine Mühe, das Ganze zu hinterfragen. Zeitungen brüsten sich eher damit, von anderen Medien zitiert zu werden. Das ist Unsinn, nicht nur beim Thema Rassismus.“
Das Ergebnis
Viele Medien spekulieren tagelang über den Fall, der letztlich vor dem Sportgericht des Deutschen Fußballbundes (DFB) landet. Konsequenzen der verbalen Entgleisung Weidenfellers: Drei Spiele Sperre und 10.000 Euro Geldstrafe wegen „einer herabwürdigenden und verunglimpfenden Äußerung“ (DFB-Sportgericht). Vom Vorwurf einer rassistischen Beleidigung wird Weidenfeller indes freigesprochen. Was aber hatte er tatsächlich gesagt? Nach Informationen eines Sportmagazins gestand Weidenfeller während der Verhandlung ein, Asamoah als „schwules Schwein“ bezeichnet zu haben. Es erfolgte jedoch keine offizielle Mitteilung über die konkret benutzen Worte, „da Datenschutzpflichten gegenüber der Betroffenen zu wahren sind. Und weil die Diskussion vermieden werden soll, ob eine Form der Herabwürdigung weniger schlimm ist als die andere“, argumentierte DFB-Sportrichter Dr. Rainer Koch.
Die Folgen
Nachdem der Rassismus-Vorwurf von offizieller Seite fallengelassen wurde, ebbte das Medieninteresse schlagartig ab. Nicht nur der Dortmunder Hauptsponsor, der zu diesem Zeitpunkt eine Anti-Rassismus-Aktion plante, zeigte sich erleichtert.
Ronny Blaschke kritisiert:
„Der Verband hat den Eindruck vermittelt, als sei Homophobie weniger schlimm als Rassismus. Da darf man keine Rangliste erstellen.“
Dazu auch Professor Gunter-A.Pilz:
„Als das Ergebnis der Verhandlung veröffentlicht wurde, war alles nicht mehr so schlimm. Plötzlich waren alle erleichtert. Doch es ist gefährlich zu sagen, diese Form von Diskriminierung sei weniger schlimm. Das ist kein Argument.“
Ronny Blaschke kommt zum Entschluss:
„Es ist weder besser noch schlechter, ob man einen Homosexuellen oder einen Farbigen beleidigt. Das hat kaum eine Zeitung gebracht. Das zeigt, wie wenig man sich damit noch auskennt. Zwar stürzen sich alle auf das Thema Rassismus, aber es ist scheinbar noch zu wenig Hintergrundwissen da.“
Professor Gunter-A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Fan- und Gewaltforschung. So ist er unter anderem Berater des Deutschen Fußball-Bundes für Fan-Fragen und Gewaltprävention (Professor Pilz im Interview: „Medien müssen Aufklärungsarbeit leisten“). Tags: Berichterstattung, Fußball, Rassismus, Sportjournalismus
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