„Die machen doch nix“

Wenn Rechtsextreme im Profifußball in Erscheinung treten, folgt eine mediale Reaktion fast immer auf dem Fuße. In den Amateurligen sieht das anders aus. Hier schauen Journalisten auch gerne mal weg. Mike Röser von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung schildert einen Fall aus seinen beruflichen Anfangsjahren:

Sicherheitspersonal mit kahlgeschorenen Köpfen

Im Blickpunkt steht das Spitzenspiel der Fußball-Verbandsliga Westfalen zwischen Germania Gladbeck und Westfalia Herne im Oktober 2004. Im Vorfeld hatte es bei anderen Gastspielen der Herner regelmäßig Probleme mit deren gewaltbereiten Fans gegeben, so dass Gastgeber Gladbeck den Sicherheitsdienst für diese Partie aufstockte. Diese Aufgabe erfüllte bis zu diesem Zeitpunkt ein Motorrad-Klub aus dem Essener Norden. Am Tag des Spiels war dieser Klub wieder präsent, allerdings mit mehr Personal und ergänzt durch mehrere junge Männer mit kahlgeschorenen Köpfen, Bomberjacken und Springerstiefeln.

Die Reaktion: Achselzucken

Zu sehen war unter anderem eine Reichskriegsflagge, deren Darstellung in NRW als „Verstoß gegen die öffentliche Ordnung“ geahndet wird. Dies fiel nicht nur den anwesenden Journalisten der beiden Lokalzeitungen auf, sondern auch mehreren Zuschauern.

Ich sprach mit dem Verantwortlichen des Sicherheitsdienstes und erntete auf die Frage nach den eindeutigen Zeichen ein Achselzucken. Sein Statement: „Ich habe andere Sorgen, die machen nix.“ Im Gespräch mit dem Fußball-Abteilungsleiter wurde die Sache bagatellisiert und den Gäste-Fans in die Schuhe geschoben: Es handele sich nicht um Angehörige des Sicherheitsdienstes, vielmehr seien das Anhänger der Herner. Auf die Frage, warum diese dann nicht der Platzanlage verwiesen würden, kam wieder die Antwort: „Die machen doch nichts.“ Weitere Beobachtungen zeigten mir allerdings, dass die entsprechenden Personen dem Sicherheitsdienst angehörten. Sie gingen mit den mir bekannten Motorrad-Rockern „Patrouille“ und hielten sich im abgesperrten Kassenbereich auf. Polizei war leider nicht auf der Anlage; konnte laut Auskunft später auch nicht mehr tätig werden, da keine Personalien bekannt waren.

„Die sind doch auf die Zuschauer angewiesen“

Im Umgang mit diesem Vorkommnis gab es zwei journalistische Varianten. In meinem Artikel widmete ich diesem „Ordnungsdienst“ einen längeren Absatz, beschrieb, was ich gesehen hatte, die Reaktionen der empörten Zuschauer und das Abwiegeln der Vereinsverantwortlichen. Mit Verwunderung sah ich die Aufbereitung der Konkurrenz: Der Kollege erwähnte die Sache mit keiner Silbe. Ein Telefonat am nächsten Tag mit ihm brachte Antworten wie „War ja alles nicht so schlimm“ und „Die sind doch auf die Zuschauer angewiesen, willst du bald wieder über Kreisliga berichten?“. Ein Kollege also, der nicht berichtete, weil er einen Imageverlust für den Klub befürchtete, über den er neutral berichten sollte.

Vorwurf: Vereinsschädigendes Verhalten

Der Vorsitzende und der Trainer des Vereins waren erbost, weil ich über den Vorfall geschrieben hatte. Mir wurde vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen, ich wolle den Klub kaputt machen – die journalistische Konkurrenz habe die Situation hingegen richtig eingeschätzt. Ein Anruf bei einem anderen Vorstandsmitglied brachte jedoch anderes zu Tage: Innerhalb des Vereins war der Vorsitzende schwer unter Beschuss geraten, weil er diesen „Sicherheitsdienst“ zugelassen hatte, zwei Ehrenamtliche waren noch am Tag des Spiels zurückgetreten.

Interne Querelen

Mit diesen internen Querelen konfrontiert, machte der Vorsitzende einen halben Rückzieher, distanzierte sich von Rechtsradikalen. Allerdings wiederholte er, die Personen hätten nicht zum Dienst gehört, es seien wohl Anhänger der Gäste gewesen. Darüber hinaus drohte er mir indirekt mit einem Anwalt. Die Konkurrenz-Zeitung nahm den Fall überhaupt nicht mehr auf. Ich verfasste einen weiteren Artikel, in dem die Distanzierung des Vorsitzenden stand, vermerkte jedoch ebenso deutlich, dass es weitere Zeugen für meine Version gab und machte die internen Querelen publik.

Die Folge: Leser loben Berichterstattung

In der Folge wurden die Personen mit den eindeutigen Zeichen nicht mehr auf der Anlage gesehen. Wohl auch, weil diverse in der Stadt einflussreiche Personen ihr Unverständnis gegenüber dem Vorsitzenden äußerten. Inwieweit ich mich richtig verhalten habe, möchte ich nicht beurteilen. Mir war wichtig, dieses Fehlverhalten auch gegen den Willen des Vereins publik zu machen. In der Folge bekam ich etliche Leserreaktionen, die die Berichterstattung gut hießen; so etwas dürfe nicht unter den Tisch gekehrt werden. Das war auch meine Meinung.

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