„Medien müssen Aufklärungsarbeit leisten“
Professor Gunter-A. Pilz gilt als Experte auf dem Gebiet der Fan- und Gewaltforschung. Der Sportsoziologe spricht im Interview über Rechtsextremismus und Rassismus im Fußball, die Rolle der Medien und subtile Formen der Diskriminierung im Stadion.
Sie haben 2006 gesagt, dass der offene Rassismus im Profifußball „eher zur Ausnahme“ geworden ist. Hat sich dieser Umstand 2007 bestätigt?
Gunter-A. Pilz: Das muss man relativieren. Ich hatte diese Aussage auf die alten Bundesländer bezogen. In den neuen Bundesländern wird der Rassismus zum Teil noch offen ausgelebt. Hintergrund des Rückgangs ist, dass die soziale Kontrolle, auch in den Stadien, viel größer geworden ist und man es nicht so offen auslebt. Das heißt aber nicht, dass wir in den alten Bundesländern keine rassistischen Probleme hätten. Das sind dann verdeckte und subtilere Formen.
Oft hört man: Das Hauptproblem liegt im Osten. Kann man das so sagen?
Nein, das Hauptproblem liegt nicht im Osten. Der Rechtsradikalismus erfährt eine Intellektualisierung, gerade in den alten Bundesländern. Diese Leute bereiten im Prinzip den Boden für andere Dummköpfe, die dann auf die Straße gehen.
Im Osten ist das Problem also einfach nur viel offensichtlicher?
Ja, weil man dort oft weniger zu verlieren hat. Ich habe von ostdeutschen Jugendlichen gehört: „Wenn man uns erwischt und wir kommen in den Knast, geht es uns vielleicht besser als draußen.“ Das scheint in den alten Bundesländern ein wenig anders zu sein. Dort wachsen oft Leute mit immer höherem Bildungsniveau in diese Denkstrukturen hinein. Die überlegen sich natürlich sehr genau, wie sie ihre gesellschaftliche Position halten können - und wie eben nicht.
Welche Rollen können Journalisten in der Arbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus spielen?
Die Medien können eine ganz wichtige Rolle spielen, indem sie sehr sensibel rassistische Auswüchse, vor allem auch die subtileren Formen, wahrnehmen und in die Öffentlichkeit kommunizieren. Ganz wichtig ist es, die Menschen für dieses Problem zu sensibilisieren. Sie müssen erfahren, was es heißt, dass Rassismus nicht mehr so offen ist. Wenn jemand einen Hitlergruß zeigt oder ein Hakenkreuz trägt, kann das jeder wahrnehmen. Aber es gibt die subtileren Formen wie etwa Codes, die man nicht erkennt, wenn man nicht eingeweiht ist. Aufklärungsarbeit wäre deswegen wichtig.
Können Sie ein Beispiel für diese subtile Form aus dem Stadion nennen?
Ein Beispiel wäre: Wenn ein „schwarzer“ Spieler schlecht spielt, wird er schneller ausgepfiffen als ein „Weißer“, der nicht den besten Tag erwischt hat. In einem Artikel in einer Fanzeitschrift habe ich mal gelesen: „In der 35. Minute schoss der Spieler Carsten Linke das 1:0. In der zweiten Halbzeit schoss irgend so einer aus Afrika das 2:0 für uns.“
Welche weiteren Formen von Rassismus und Rechtsextremismus gibt es?
Es gibt ganz bestimmte Formen von Diskriminierung, die mit Rassismus und Rechtsextremismus korrelieren. Das sind zum Beispiel Homophobie und Sexismus. Das sind Formen, an die der Rechtsradikalismus inzwischen stark andockt. Das kann man auch in den Stadien beobachten, wo Rassismus verpönt ist.
Wie beurteilen Sie im Fall Asamoah/Weidenfeller die Rolle der Medien?
Zunächst einmal bauschen die Medien gerne auf, egal ob es sich um einen Rechten oder Linken handelt. Hauptsache, es lässt sich vermarkten. Aber Rassismus ist kein Thema, mit dem man Schlagzeilen machen sollte. Zumindest dann nicht, wenn das nur im Eigeninteresse geschieht. Wer so etwas tut, handelt zutiefst unmoralisch und verstößt gegen jegliche Prinzipien des Journalismus. An dem Weidenfeller-Beispiel sieht man, wie gefährlich es ist, wenn man nicht sensibel auf diese Dinge achtet. Man hatte Weidenfeller Rassismus vorgeworfen, weil er zu Asamoah „schwarze Sau“ gesagt haben soll. Weidenfeller wehrte sich: er habe „schwule Sau“ gesagt. Und das war dann nicht mehr so schlimm. Plötzlich waren alle erleichtert. Doch es ist gefährlich zu sagen, diese Form von Diskriminierung sei weniger schlimm. Das ist kein Argument. Gerade wenn man weiß, wie nah Rechtsradikale dem Thema Schwulenfeindlichkeit stehen.
Was unternimmt der Deutsche Fußball-Bund im Kampf gegen Rechtsextremismus und was können Medien unterstützend leisten?
Journalisten können die Bemühungen und Aktionen der Vereine und Verbände nach außen tragen und deutlich machen: Die stellen sich dem Problem. Der DFB tut ja mittlerweile viel. Er hat eine Stadionordnung erlassen, hat eine Satzungsänderung vorgenommen, schult seine Ordnungskräfte und Stadionsprecher und hat Broschüren herausgegeben. Außerdem gibt es eine Arbeitsgruppe, die darüber berät, wie der DFB das Thema langfristig angehen und in die Vereine hereintragen kann. Was man „oben“ erkannt hat, muss schließlich auch „ganz unten“ ankommen. Das ist eine lange und sehr schwere Arbeit. Aber die Medien können mithelfen, wenn sie zum Beispiel kleinen Vereinen deutlich machen, dass sie beobachtet werden.
Gibt es ein Beispiel für einen besonders engagierten Verein?
Hannover 96 hat über seine Stadionordnung hinaus eine Hausordnung erlassen. Alle Symbole, Zeichen und Gesten, die Eindruck erwecken könnten, dass dahinter eine rechte oder islamistische Gesinnung steckt, sind im Stadion verboten. Das erlaubt es dem Verein, das Tragen von Thor-Steinar-Kleidung oder Symbole wie „18“ und „88“ zu verbieten. Wichtig ist auch hier, dass Medien eine solche mutige Hausordnung nach außen kommunizieren. So kann man andere auf diese versteckten Symbole hinweisen.
Handelt es sich um ein Problem des Fußballs?
Nein, es ist kein fußballspezifisches Problem. Es ist ein gesellschaftliches. Aufgrund seiner hohen gesellschaftlichen Wertigkeit und Attraktivität ist der Fußball offensichtlich ein besonderes Betätigungsfeld für Rechte. Deshalb ist es wichtig, dass man Netzwerke schafft. Dass der Fußball gemeinsam mit gesellschaftlichen Initiativen arbeitet. Da würde ich im weitesten Sinne auch die Journalisten dazuzählen.
Welche anderen Sportarten haben mit dem Problem zu kämpfen?
Dass man davon meist in Zusammenhang mit dem Fußball hört, hat damit zu tun, dass die Sportart von hohem öffentlichen Interesse ist. Und natürlich, weil der Fußball sich dem Thema stellt. Wenn ich mich dem Thema stelle, fallen natürlich Dinge schneller auf, die vielleicht nicht so gut laufen. Wenn man auch in anderen Verbänden mehr tun würde, wäre man ein Stück weiter.
Können Sie konkret andere „gefährdete“ Sportarten nennen?
Ich wünsche mir, dass man mal in Verbände reinschaut, die aufgrund ihrer historischen Tradition sehr viel deutschtümelnder sind. Zum Beispiel Turnen und Schießen: Ich kann mir vorstellen, dass es bei diesen Sportarten mindestens genauso viele Probleme gibt wie beim Fußball. Natürlich kann man die Sportarten nicht pauschal verurteilen. Die Verbände profitieren aber momentan davon, dass sie nicht im öffentlichen Fokus stehen. Ein Grund dafür ist, dass sich in ihren Reihen erheblich weniger Menschen mit Migrationshintergrund befinden. Was in den Kneipen und Übungsstunden passiert, kommt sowieso nicht an die Öffentlichkeit.
Professor Gunter-A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen (Website). Sein Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Fan- und Gewaltforschung. So ist er unter anderem Berater des Deutschen Fußball-Bundes für Fan-Fragen und Gewaltprävention. In einem Fallbeispiel gibt er Tipps für den Umgang mit Skinheads.
Tags: Diskriminierung, Fans, Osten, Rassismus, Symbole
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