„Eine große Herausforderung für den Journalismus“

Ronny Blaschke beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus und schreibt für diverse Tageszeitungen. Im Interview spricht der Sportjournalist über Recherchewege, Objektivität und Einschüchterungseffekte. „Solange man aufpasst und nicht zu reißerisch schreibt, denke ich mir: Was sollen die machen?“

Kann man als Sportjournalist das Thema Rechtsextremismus angehen wie jedes andere Thema auch?

Nein, das wäre falsch. Denn man stößt auf eine viel größere Resonanz. Wenn ich über ein Bundesligaspiel berichte, einen Spieler oder Manager kritisiere oder Aussagen interpretiere, geht das in der Masse der Medien unter. Wenn ich rechtsextreme Fans oder Fangruppierungen analysiere und sie hinterfrage, dann fällt das auf. Die Berichterstattung wird in der Szene sehr kritisch aufgenommen, die Resonanz ist also automatisch viel größer.

Was bedeutet das für die Recherche?

Ich prüfe die Fakten umso mehr, als ich weiß, wie Rechtsextreme gegenüber Medien agieren, um eine negative Berichterstattung zu verhindern. Von einem Journalisten erwartet man, dass er alle Themen schnell und flexibel bearbeiten kann. Doch bei diesem Thema gibt es viele Verschachtelungen. Man muss sich in das Thema einlesen und informieren, eine einfache Internet-Recherche reicht da nicht aus. Wenn dann die letzten inneren Fragen beantwortet sind, kann man in die persönliche Recherche gehen und Gespräche führen. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Interview ohne Hintergrundwissen zu führen. Da kann man böse auflaufen. Die Recherche kann über Monate, vielleicht sogar Jahre gehen. Ein Fußballspiel dagegen dauert nur 90 Minuten.

Wie wichtig ist der Kontakt zu Fanprojekten?

Man baut sich einen gewissen Informantenstamm auf. Mitarbeiter von Fanprojekten, Bündnissen und Initiativen haben Erfahrung und sind seit Jahren in der Szene drin. Sie kennen diesen Mikrokosmos viel besser als ein Journalist, der sich erst wenige Jahre damit beschäftigt hat. Wenn man sie als seriös, eloquent und gebildet einstuft, kann man immer wieder auf sie zurückgreifen.

Skizzieren Sie einen möglichen Rechercheweg.

Es ist relativ einfach, Fakten zu finden. Das ist Fleißarbeit: Man muss sich umhören, um Kontakte zu gewinnen. Das geht oft über drei, vier Ecken. Die Aufarbeitung ist dann der schwierigere Teil. Wenn der Artikel erschienen ist, versuchen Rechtsextreme, Kameradschaften oder die NPD alles, um das oft negativ angehauchte Bild nicht so stehen zu lassen. In erinnere mich an einen Artikel über einen Verein, der Probleme mit Rechtsextremismus hatte. In Absprache mit dem Ressortleiter habe ich nicht alle Namen erwähnt, um eine Gegendarstellung zu vermeiden. Man muss wirklich schauen: Was ist unerlässlich für die Geschichte und was nicht.

Es wird also automatisch Druck aufgebaut.

Das ist natürlich deren Ziel. Es ist eine Einschüchterungstaktik, von der Sportjournalisten noch relativ gemäßigt betroffen sind. Doch auch ich erlebe das: In Internet-Foren wird gehetzt, es wird ein Foto von mir eingestellt und beobachtet, in welchem Supermarkt ich wann eingekauft habe. Wenn ich das lese, ist das zunächst mal ein Einschüchterungseffekt. Aber letztendlich hat mich persönlich noch niemand angerufen. Solange man aufpasst und nicht zu reißerisch schreibt, denke ich mir: Was sollen die machen?

Sportjournalisten müssen sich immer öfter mit dem Thema auseinandersetzen.

Man kann generell einen Wandel im Sportjournalismus erkennen: Man muss sich mit komplexen Wirtschaftsthemen, mit medizinischen Elementen und natürlich auch mit Faktoren wie Gewalt und Rassismus auskennen. Rechtextremismus ist eine der größten Herausforderungen des Journalismus.

Wie objektiv kann man überhaupt über das Thema berichten?

Dazu muss man sich immer wieder zwingen. Wenn man ein Interview führt, darf man nicht herablassend oder lustlos wirken. Man muss objektiv rangehen, darf die Fragen nicht zu kommentierend stellen. Und man darf nicht hektisch oder verkrampft sein (Siehe auch: Objektivität - pro und contra).

Sollte man bei der Recherche gleich alle Karten auf den Tisch legen?

Wenn ich erfahren will, was auf den Kreisliga-Sportplätzen abläuft, kann ich erst einmal alles beobachten. Das ist ein legitimes Mittel. Man muss sich ja nicht outen, wenn man 90 Minuten zuguckt und anschließend auf ein Bier in die Kneipe geht. Gegenüber offiziellen Interviewanfragen sind rechtsextreme Gruppen meist sowieso nicht negativ eingestellt. Denn sie wissen, dass Publicity, selbst wenn sie leicht negativ behaftet ist, gut ist. Beim Thema „Unterwanderung im Sport“ geben sie zum Beispiel gerne Interviews, weil sie so ihre neue Strategie besser nach außen transportieren können. Wenn der Artikel erschienen ist, können sie immer noch böse werden.

Wie geht man als Journalist mit rechtsextremen Vorkommnissen in Stadien - vor allem in unteren Ligen - um?

Man darf das auf keinen Fall ignorieren. Hört man zum Beispiel Sprechchöre mit rechtsextremem Gedankengut, muss man sich bei den Verantwortlichen umhören. Beim Stadionbetreiber, dem örtlichen Verein, bei den Schiedsrichtern und Spielern. Man muss die Fakten prüfen und das Ganze einordnen. Am besten geht man es ruhiger an und achtet gar nicht so sehr auf die Schlagzeile des Artikels. Besser ist es, die Geschichte erst zu bringen, wenn sie rund ist. Das kann auch einen Tag später sein.

Fehlt es gerade Boulevard-Medien an dieser Sensibilität?

Boulevard-Journalisten sind nicht dumm. Sie müssen „ihre“ Themen personalisiert, reißerisch, transparent und kurz und knackig aufbereiten. Das funktioniert bei lustigen und bei banalen Themen, die uns letztlich nur berieseln. Bei Rechtsextremismus geht es um politische Hintergründe und Extremismus. Hier muss man abwägen, wie leichtfertig man eine Schlagzeile riskiert. Oft ist es riskant und auch gefährlich, wenn man die Massen gegen sich aufbringt. Da muss man höllisch aufpassen.

© Verlag Die WerkstattBuchtipp
Ronny Blaschke: „Im Schatten des Spiels“. Rassismus und Randale im Fußball. Verlag Die Werkstatt, 240 Seiten, 16,90 Euro. (…) Autor Ronny Blaschke schildert ausführlich die jüngere Entwicklung in Deutschland, beleuchtet aber auch die Szene der Hooligans in England und anderen europäischen Ländern. (…) (ganzer Klappentext)

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