Berichterstattung über Frauen in der rechtsextremen Szene

Das Thema „Frauen im Rechtsextremismus“ wurde und wird immer noch von der Öffentlichkeit unterschätzt, so die übereinstimmende Meinung der Journalistin Andrea Röpke und der Göttinger Sozialwissenschaftlerin Michaela Köttig. Beide beschäftigen sich intensiv mit rechtsextremen Frauen.

Katastrophaler Recherchestand

Für Andrea Röpke ist das Thema überfällig. Als sie vor zwei Jahren anfing, sich damit zu beschäftigen, stellte sie einen katastrophalen Recherchestand fest. Bis heute wird das Thema wenig beachtet: „Rechtsextremistische Frauen werden nur als Mitläuferinnen abgetan, dabei sind sie genau so verantwortlich wie die Männer und können genau so fanatisch und gefährlich sein“, sagt Andrea Röpke (siehe auch: Frauenbild). Auch Michaela Köttig beanstandet die Vernachlässigung des Themas, für sie wird es im Journalismus nicht kontinuierlich wahrgenommen.

Meist stehen die Männer im Fokus

Wenn über Rechtsextremismus berichtet wird, stehen meistens die Männer im Fokus. Die Berichterstattung ist häufig schlaglichtartig und meist sehr einseitig. Schlagzeilen in der BILD-Zeitung oder im Stern gibt es meist nur dann, wenn Frauen besonders gewalttätig oder auffällig in Erscheinung treten. Häufig verwenden Journalistinnen und Journalisten Extreme, werden dann auf das Thema aufmerksam, wenn aktuell eine Gewalttat im Vordergrund steht oder zeigen eben Stereotypen wie beispielsweise die „traditionelle Frau mit Zöpfen im BDM-Stil oder eben das absolute Schlägerweib in Bomberjacke und mit Glatze.“ (Köttig)
Das falsche Bild „Frauen können keine Täterinnen, sondern nur Mitläuferinnen sein und treten als politische Akteurinnen nicht in Erscheinung“ (Köttig), ist noch weit verbreitet, sogar bei Polizei und Verfassungsschutz.

NPD kennt das große Potential von Frauen und Mädchen

Die rechte Szene nutzt dies gezielt als Strategie. Die NPD hat schon länger das große Potential von Frauen und Mädchen erkannt. Frauen übernehmen Funktionen im Hintergrund. Dies sollten Journalistinnen und Journalisten aufdecken. Nach dem Einzug der NPD in den Schweriner Landtag widmete NPD-Abgeordneter Udo Pastörs beispielsweise den rechtsextremen Frauen, laut einem Artikel der Bundeszentrale für Politische Bildung, folgende Worte: „Herausnehmen möchte ich unsere Frauen, die im Stillen Unglaubliches geleistet haben. Das fing an von der Bewirtung und dem Gutzureden unserer Kameraden und Kameradinnen, die aktiv draußen im Wahlkampf standen. Und das hörte auf beim Wäschewaschen für die Kameraden.“

Bewusst für Frauen geöffnet

Die Szene hat sich gewandelt und zum Teil ganz bewusst für Frauen geöffnet. Neu ist es nicht, dass Frauen ein Teil der rechten Szene sind. Bereits in den Altnazi-Organisationen nach 1945, wie der „Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“, gab es Frauen die mitgestalteten und mittrugen. „Aber jetzt ist eben das Neue, dass sie ganz gezielt eingesetzt werden“, so die Journalistin Andrea Röpke, um auch „an bürgerliche Wähler zu kommen, an die beispielsweise ein glatzköpfiger, tätowierter Skinhead nicht herankommen würde.“ Diesen Vorteil hat die rechtsextreme Szene auch ganz klar erkannt. Udo Voigt, seit 1996 Parteivorsitzender der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften NPD, sagt laut einem Stern-Artikel „Frauen sind Sympathieträger, deren Argumentation sehr überzeugend sein kann“.

Röpke: Von Emanzipation kann keine Rede sein

Rechtsextreme Frauen gelten als wenig gesprächsbereit, verunsichert und unheimlich misstrauisch. Meist wiegeln sie ab – diese Erfahrung machte auch schon Andrea Röpke. Für Journalistinnen und Journalisten ist es fast unmöglich, an aktive Nazi-Frauen heranzukommen, da diese geradezu einen Maulkorb von der Szene verpasst bekommen. Im Allgemeinen sprechen die Männer der rechten Szene für die Frauen. Sollte doch eine Frau das Wort ergreifen, so bekommt sie häufig szeneintern Probleme. Von Emanzipation könne hier keine Rede sein, sagt Röpke. Rechtsextreme Männer seien im Gegensatz zu Frauen kompromissloser und sagen klipp und klar „Ich bin Neonazi und stehe dazu“.
Mit Frauen, die in der rechten Szene sind oder waren, journalistisch umzugehen, ist laut Röpke weitaus schwieriger als mit den Männern, „denn sie weisen ihre eigene Verantwortlichkeit von sich“.

Fanatismus bei Frauen

Ein anderer wichtiger Punkt ist der Fanatismus bei Frauen. Gerade viele der jüngeren, rechtsextremen Frauen stammen aus so genannten Sippen – Familienverbänden der rechten Szene, die schon in der zweiten, dritten Generation bestehen. Die Frauen werden in diese Sippen hineingeboren. Und diese „geschulten und gefestigten Neonazistinnen“ gelten laut Andrea Röpke als sehr fanatisch, als so genannte „150-Prozentige“. Wenn Journalistinnen und Journalisten an diese Frauen herankommen, sollten sie nicht zu schnell mit dem Fragen aufhören und weiter „bohren“. Im besten Fall erschließt sich dann den Journalistinnen und Journalisten, wie die Frau ihren rechtsextremen Alltag erlebt – meist anders als die Männer.

Suggestivfragen nur begrenzt verwenden

Laut Michaela Köttig sollten Suggestivfragen im Interview nur begrenzt und eher am Ende eines Gesprächs verwendet werden. Die Journalistinnen und Journalisten sollten sich eher zurücknehmen und die Interviewpartnerin erzählen lassen (siehe auch: Interviewsituation). So kommt man eher an internes Wissen über aktuelle Geschehnisse im Szenenalltag oder über Strukturen. Über Entwicklungen in der rechten Szene Bescheid zu wissen kann aufschlussreicher sein, als sich mit rechtsextremen Ideologiefragmenten zu beschäftigen oder gar bloße Meinungen abzufragen. Es sollte in der Berichterstattung nicht nur darum gehen, die Positionen der Rechten zu widerlegen oder ihnen Lächerlichkeit zu bescheinigen. Denn das Wissen über die Organisation der rechtsextremen Frauenszene bliebe damit auf der Strecke.

Ausführliche Antworten statt knappen Antworten

Ideal wäre es, wenn Journalistinnen und Journalisten keine pointierten, kurze und knappe Antworten provozieren, die in einem paar-minütigem Trailer platziert werden können. Sondern durch ausführliche Antworten lernen, was bei Frauen in der rechten Szene abläuft. Journalistinnen und Journalisten brauchen Geduld im Umgang mit rechtsextremen Frauen und müssen sich auf eine lange Recherche einstellen.

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