„Von Emanzipation ist da keine Rede“

Andrea Röpke ist freie Journalistin mit den Spezialgebieten Nationalsozialismus und Rechtsextremismus. Ihre Insider-Recherchen wurden in diversen Print- und Fernsehmagazinen wie Panorama und Spiegel TV veröffentlicht. 2007 erhielt sie mit zwei anderen Kollegen den Medienpreis „Leuchtturm“ der Netzwerke Recherche für besondere publizistische Leistungen zum Themenfeld Rechtsextremismus. Die Jury lobte, diese Journalisten „beginnen ihre Recherchen, wo andere aufhören“. Im Interview schildert Abdrea Röpke ihre Erfahrungen mit rechtsextremen Frauen.

Wurde das Thema „Frauen im Rechtsextremismus“ Ihrer Meinung nach eher über- oder unterschätzt?

Andrea Röpke: Von der Öffentlichkeit oder von den Rechten selber?

Von der Öffentlichkeit!

Ganz klar: unterschätzt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt ein Frauennetzwerk mit Wissenschaftlerinnen um Renate Bitzan von der Universität Göttingen. Die haben schon lange davor gewarnt, dass ein stetiger Anstieg von weiblichen Neonazis zu beobachten ist. Als ich vor zwei Jahren angefangen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, haben wir festgestellt, dass kaum Erkenntnisse über den aktuellen Organisationsgrad von rechten Frauen vorhanden waren. Es gab einen katastrophaler Recherchestand, den wir jetzt gemeinsam aufgearbeitet haben.

Die rechtsextremistischen Frauen werden in der Öffentlichkeit, auch von den Gerichten und der Polizei, nur als Mitläuferinnen abgetan und nie richtig ernst genommen. Doch rechtsextreme Frauen sind genau so verantwortlich wie die Männer, können genau so fanatisch und gefährlich sein. Und als solche muss sie die Gesellschaft auch endlich ganz klar „anerkennen“.

Wie erkenne ich als Journalist/Journalistin, ob es sich um ein „echtes“ Thema handelt oder ob das Thema nur hochgekocht wurde?

Recherchieren! Die Frauen in der rechten Szene, das ist kein hochgekochtes, sondern ein überfälliges Thema. Aktuelle Umfragen haben den Grad an weiblichem Potenzial offenbart – demnach würde 2007 ungefähr jede siebte Frau rechts von der CDU wählen.
Die Szene hat sich ganz bewusst für Frauen geöffnet und es gibt vor allem viele junge Frauen, die mitmachen wollen. Aber das ist an sich nichts Neues. Es hat schon immer Frauen gegeben, die das Ganze mitgetragen und mitgestaltet haben, so auch nach 1945 in den großen Altnazi-Organisationen, die bereits über 40 bis 50 Jahre existieren. Frauen in der Neonazi- und Altnaziszene hat es schon immer gegeben.

Das Neue ist, dass diese Frauen ganz gezielt in bestimmten Positionen eingesetzt werden. Das sieht man beispielsweise in Sachsen-Anhalt, wo die NPD von einer Frau angeführt wird. Frauen werden von den NPD-Kadern eingesetzt, um auch an die bürgerlichen Wähler heranzukommen, an die beispielsweise ein glatzköpfiger, tätowierter Skinhead nicht herankommen würde.

Das Klischee der klassischen rechtsextremen Frau als treue Gefährtin und Mutter ist weit verbreitet. Wie blicke ich als Journalist/Journalistin hinter dieses aufgestellte Bild und erkenne eventuell eine Wandlung?

Ich glaube, das Klischee des „traditionellen Frauenbildes“ ist in der rechten Szene verbreiteter denn je. Das geht einher mit einer konservativen Entwicklung in der Gesellschaft. Dazu gibt es auch Studien. Dieses traditionelle Frauenbild ist durchaus weit verbreitet und man muss sich sehr wundern, wie moderne junge Mädchen, Gymnasiastinnen oder auch Mädchen aus ganz anderen kulturellen Zusammenhängen in der rechten Szene landen – vielleicht früher Skingirl waren und auf einmal dem traditionellen Frauenbild entsprechend völkisch mit langen Röcken und Zöpfen herumlaufen.

Man muss aber unterscheiden, es gibt auch Grenzgruppen oder Frauen, die vom so genannten „nationalen Feminismus“ reden. Aber grundsätzlich herrscht Einklang in der Szene, dass die Frau traditionell gesehen wird, durchaus auch als Kämpferin an der männlichen Seite. Sie will gleichberechtigt und gleichwertig sein. Aber sie sieht sich in ihrer biologischen Rolle und Verpflichtung ganz klar als Mutter und Hausfrau, um damit die so genannte „weiße Rasse“ zu erhalten. Das ist der Trend, den wir momentan beobachten können.

Werten Sie die Internetseiten der zwei wichtigsten Neonazistinnen-Gruppen, dem „Ring Nationaler Frauen“ und der „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ aus. Gucken Sie sich langfristig die Foren der Szene an – oder gehen Sie zu extrem rechten Demonstrationen, dort gibt es immer ein großes Polizeiaufgebot. Wirklichen Einblick erhält man meiner Ansicht nach durch langfristige Beobachtung und Auswertung. Hinzu kommen Gespräche mit Aussteigerinnen.

Was haben Sie aus der jahrelangen Interview-Erfahrung und dem Umgang mit rechtsradikalen Frauen gelernt? Gibt es Besonderheiten im Gegensatz zu Männern?

Ja, es gibt Unterschiede. Frauen sind weniger gesprächsbereit, es ist fast unmöglich mit aktiven Neonazi-Frauen zu sprechen, man kommt nicht an sie heran. Die meisten bekommen geradezu einen Maulkorb – generell sprechen in der Szene die Männer für die Frauen. Wenn eine Frau spricht, bekommt sie szenenintern Ärger, das ist meine Erfahrung. Oder man wird als Medienvertreter an Stella Palau, jetzt Hähnel, verwiesen. Die sitzt im Bundesvorstand der NPD und hat sich über Jahre hinweg in Volkshochschulen rhetorisch geschult. Sie hat einen radikalen Hintergrund ist aber unglaublich aalglatt. Wirklich Neues erfährt man von ihr nicht.
Auch wenn Frauen stark in der rechten Szene vertreten sind, ist es meiner Ansicht nach immer noch eine frauenfeindliche Szene. Von Emanzipation ist da, mit ein paar Ausnahmen, keine Rede – davon bin ich überzeugt.

So handeln die Frauen sehr verunsichert, sie sind unheimlich misstrauisch. Sie wollen ihre Verantwortung selbst nicht richtig erkennen. Sie wiegeln ab, sind unheimlich zögerlich. Die Männer reden eher nach dem Muster „Ich bin Neonazi und dafür muss ich einstehen“.

Männliche Aussteiger sind kompromissloser und sagen klipp und klar, wofür sie eingestanden sind. Bei den Frauen muss man viel intensiver bohren, weil sie sich eben auch in der Szene lange herausreden konnten, ihre eigene Verantwortung einzugestehen.
Es ist sehr schwierig, mit Frauen, die in der rechten Szene sind oder waren, journalistisch umzugehen – weitaus schwieriger als mit den Männern.

Gibt es noch einen anderen Punkt, auf den man achten könnte, außer nachhaltig zu „bohren“?

Ja, man darf nicht den Fanatismus der Frauen unterschätzen. Viele Frauen, die in der Szene aktiv sind, wurden in die Szene hineingeboren. Viele der aktiven Neonazistinnen, auch die jüngeren darunter, stammen aus so genannten völkischen „Sippen“, Familienverbänden der Rechten, die schon in der zweiten, dritten Generation Alt- beziehungsweise Neonazis waren und kulturell und politisch nichts anderes kennen gelernt haben. Und diese Frauen sind sehr fanatisch. Wenn man an die heran kommt – was sehr schwierig ist – muss man immer wieder hinterfragen. Nicht zu schnell aufhören, immer weiter bohren – wirklich fragen, fragen, fragen.

Es kann sehr spannend sein, was dabei herauskommt und vor allem wie die Frauen im Gegensatz zu den Männern ihren rechten Alltag erleben. Es ist eine ganz andere Prägung. Dieses spannende Thema bearbeite ich auch gerade, „die Kindererziehung der Neonazis“. Da geht es um die braunen Parallelwelten, das ist sehr geheimnisvoll. Man muss sehr geduldig mit Frauen umgehen und es ist in den meisten Fällen eine langfristige Geschichte.

Andrea Röpke ist Politologin und freie Journalistin. Sie hat sich auf die Themen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus spezialisiert. 2007 erhielt sie mit zwei anderen Kollegen den Medienpreis „Leuchtturm“ der Netzwerke Recherche für besondere publizistische Leistungen zum Themenfeld Rechtsextremismus. Sie hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht und ist vom Medium Magazin zur „Journalistin des Jahres“ gewählt worden.
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