„Ein Spiegelbild aller Frauenrollen der Gesellschaft“
Michaela Köttig hat Lebensläufe rechtsextremer Frauen und Mädchen wissenschaftlich untersucht. Im Interview gibt sie Auskunft über Frauenbilder und äußert sich zu der Frage, wie Medien mit diesem Thema umgehen sollten.
Kann man sagen, dass die Medien das Thema „Frauen im Rechtsextremismus“ kontinuierlich vernachlässigt haben? Oder haben Sie im Gegenteil den Eindruck, dass es wellenartig hochgeredet wurde?
Michaela Köttig: Beides. Auf der einen Seite nehmen die Medien das Thema „Frauen im Rechtsextremismus“ als kontinuierlichen Themenkomplex überhaupt nicht wahr. Wenn Medien über Rechtsextremismus berichteten, haben Frauen in der Regel keine Rolle gespielt. Und auf der anderen Seite gab es so genannte Highlights, wenn Frauen zugeschlagen haben oder besonders monströs in Erscheinung getreten sind. Dann gab es eine Schlagzeile in der BILD-Zeitung oder einen Aufmacher im Stern. Das Thema wurde hin und wieder schlaglichtartig herausgehoben und dann aber eben nur sehr einseitig dargestellt. Es wird entweder nur die traditionelle Frau im „Bund Deutscher Mädel“-Stil mit Zöpfen gezeigt oder das Schlägerweib in Bomberjacke und mit Glatze. Aber dass das Thema „Frauen im Rechtsextremismus“ ein kontinuierlicher Teil der Berichterstattung über Rechtsextremismus ist, kann ich nicht sagen.
Welche Gründe gibt es hierfür?
Einer der zentralsten Gründe ist einfach: Frauen werden nicht als politische Akteurinnen wahrgenommen. Und das ist im Hinblick auf die rechte Szene ganz besonders schwierig. Frauen werden nur als Anhängsel ihrer Freunde oder Männer betrachtet. Ganz im Sinne von „okay, wenn ein Mann in die NPD eintritt, dann nimmt er seine Frau halt mit“. Das ist falsch. Aber diese Vorstellung, dass Frauen eigentlich nicht als politische Akteurinnen in Erscheinung treten, ist immer noch weit verbreitet und zwar in jedem Bereich: im Journalismus, in der Sozialarbeit, bei der Polizei und beim Verfassungsschutz. In letzter Zeit richte ich meine Vorträge verstärkt daraufhin aus, dieses Vorurteil aufzuweichen. Und ich muss immer wieder feststellen: auch wenn ich mir den Mund fusselig rede – es kommt leider nicht an.
Was sollten Journalistinnen und Journalisten beachten, um der Rolle von Frauen im Rechtsextremismus Rechnung zu tragen?
Es läuft ja nun mal so, dass es irgendeinen Aufhänger gibt. Und Journalistinnen und Journalisten werden gebeten, darüber zu recherchieren. Aber das, was sie als Erstes finden, wird sicherlich nichts über Rechtsextremistinnen sein. Deshalb ist es wichtig, die Perspektive im Hinterkopf zu haben, dass ebenso Frauen beteiligt sein können, die dem ersten Anschein nach nicht im Zentrum stehen. Wichtig ist, genauer hinzuschauen und gegebenenfalls nachzurecherchieren.
Renate Bitzan und ich haben einen Beitrag darüber geschrieben, wie Mädchen und Frauen bei rechtsextremen Gewalttaten oder überhaupt bei rechtsextrem motivierten Straftaten in den Medien dargestellt werden. Es hat sich gezeigt, dass die Geschlechterrollen-Stereotype reproduziert werden. Nach dem Motto „Frauen, die stehen da vielleicht dabei und bekommen Gewalttaten auch mit, aber Täterinnen sind sie sicherlich nicht“. Frauen werden nicht als Täterinnen wahrgenommen und dieses Bild wird immer wieder reproduziert. Und das gilt auch für rechtsextrem motivierte Gewalttaten, bei denen Frauen häufig die „unterstützenden“ Positionen übernehmen und beispielsweise anfeuern.
Wenn eine Journalistin oder ein Journalist einen Auftrag bekommt, über dieses Thema zu recherchieren, ist es gut, gezielter nach der Beteiligung von Frauen zu suchen.
Wo liegt die Gefahr, wenn Journalistinnen und Journalisten immer nur die Männer aus der rechten Szene im Blick haben?
Dass rechtsextreme Milieus daraus bewusst strategischen Nutzen ziehen können, indem Frauen genau solche Funktionen und Aktivitäten übernehmen, in denen die rechtsextreme Motivation verschleiert werden soll. Denn Frauen übernehmen in der rechten Szene oft Funktionen, die im Hintergrund angesiedelt sind: Sie mieten die Räume für Veranstaltungen, sie eröffnen Konten, sie organisieren die Ordner und Ordnerinnen bei Demonstrationen oder den Hilfsdienst und so weiter. All die Sachen, die nicht unbedingt „on stage“ sind, die auch nicht unbedingt sofort als rechtsextremistisch motiviert wahrgenommen werden sollen. Die rechtsextreme Szene macht sich somit das Vorurteil „Frauen können keine politischen Akteurinnen sein“ zunutze, um länger unbehelligt zu bleiben. Somit tut sich da ein Feld auf, das in einem nichtsichtbaren Bereich bleibt, und schwer aufzudecken ist.
Welche Wege empfehlen Sie für Journalistinnen und Journalisten, um an Recherchematerial über dieses Thema zu kommen?
Es ist erstmal wichtig, sich als Journalistin oder Journalist eine Basis anzulesen. Wenn man nicht sensibel für dieses Thema ist, sieht man es auch nicht. Das kann ich für alle Bereiche sagen: Ich kenne mich beispielsweise relativ gut in der Sozialarbeit aus. Es gibt Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die haben rechtsextrem orientierte weibliche Jugendliche in ihren Gruppen. Aufgrund bestimmter sozialer Mechanismen, die sich aus ihrer Arbeit mit den Jugendlichen ergeben, verweigern sie es jedoch, politische Aktivitäten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen „ihrer Jugendlichen“ genauer wahrzunehmen und ihnen ins Gesicht zu sehen. Es gibt mittlerweile jede Menge Literatur und Expertinnen zu dem Thema. Journalistinnen und Journalisten haben also die Möglichkeit, sich zu informieren und einzuarbeiten, bevor sie darüber berichten.
Auch bei der Recherche im Journalismus entwickeln sich solche „blinden“ Flecken und ich versuche mich dafür einzusetzen, weibliche Rechtsextremistinnen als Phänomen zu erkennen, sich einzulesen und zu recherchieren. Das ist natürlich nicht so einfach, weil die rechte Szene nur das zeigt, was sie zeigen möchte. Und dann kommt man relativ schnell in die Gefahr, Publicity für sie zu machen.
Ein relativ neues Problem ist, dass mir im Moment bei Vorträgen rechte Journalistinnen und Journalisten im Publikum auffallen. Diese können perspektivisch meinungsbildend werden, wenn die anderen genau dieses Thema nicht aufgreifen.
Gibt es spezielle Empfehlungen für Journalistinnen und Journalisten für Interviews mit rechten Frauen?
Um möglichst detaillierte und neue Informationen zu bekommen, würde ich Suggestivfragen nur begrenzt und eher am Ende eines Gesprächs einsetzen. Ich würde versuchen durch Fragen, die zum Erzählen anregen, Informationen von den Frauen zu erhalten. Denn Geschichten über ihr Erleben im Szenenalltag geben mehr über die Strukturen dort preis als beabsichtigt. Das ermöglicht den Journalistinnen und Journalisten, an internes Wissen über die aktuellen Geschehnisse in der rechten Szene zu gelangen. Ich finde es wichtiger, über interne Strukturen und Entwicklungen Bescheid zu wissen als sich ausschließlich mit rechtsextremen Ideologiefragmenten und Positionen zu beschäftigen. Natürlich ist es auch sinnvoll sich damit zu beschäftigen, aber ich nehme oft wahr, dass es dann in der Berichterstattung darum geht, die Positionen der Rechten zu widerlegen oder ihnen Lächerlichkeit zu bescheinigen. Damit rücken die Berichterstatter und Berichterstatterinnen und der Beweis ihrer Intelligenz in den Vordergrund. Wenn wirklich etwas Neues über Frauen-Netzwerke innerhalb der Szene herausgefunden werden soll, ist es besser, auch genau danach zu fragen.
Wie vermeide ich Publicity für die rechte Szene?
Sehr schwierig finde ich diese reißerischen Berichterstattungen, weil die oft sehr einseitig sind. Es gibt ein paar Veröffentlichungen, in denen einfach nur abgedruckt wird, was die Menschen aus der rechten Szene sagen. Das wäre mir zu wenig, denn damit bleibt es unkommentiert stehen und erhält keinerlei Gegenposition. Ich glaube, dass die rechten Frauen, die in die Öffentlichkeit gehen, sehr gut trainiert sind. Gerade mit dem „Ring Nationaler Frauen“ sind das einige, die die Presse inklusive das Fernsehen ganz klar in Anspruch nehmen, einsetzen und funktionalisieren, ganz nach dem Motto „selbst eine schlechte Berichterstattung über uns bringt uns ins Gedächtnis und ins Gespräch der Menschen.“ Es ist ein Balanceakt in der Berichterstattung: einerseits zu informieren und auch O-Töne zu bringen, gleichzeitig jedoch zu vermeiden, durch Rechtsextremisten und Rechtsextremistinnen funktionalisiert zu werden. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist eine deutlich kommentierende Aufbereitung der O-Töne mit Hintergrundinformationen.
Das Bild der Frau aus der rechtsextremen Szene hat sich verändert. Wie blicke ich als Journalistin/Journalist hinter die aufgestellten Klischees?
Indem ich versuche, solche überkommenen Bilder in meinem Kopf zu öffnen und wahrzunehmen, dass mir rechtsextrem orientierte Frauen mittlerweile überall, auch in meinem persönlichen sozialen Umfeld, begegnen können. Wir können ganz klar sagen, dass es DAS Frauenbild in der rechten Szene nicht gibt. Es wird zwar in manchen NPD-Programmen noch propagiert, aber das gelebte Leben hat damit kaum etwas zu tun. Die Frauen, die in der rechten Szene vertreten sind, stellen ein Spiegelbild aller Frauenrollen der Gesellschaft dar. Wir finden Frauen, die traditionell zuhause bleiben und Kinder bekommen genauso wie die Frauen, die Kinder bekommen und gleichzeitig ihren Beruf ausüben. Ebenso finden wir Frauen, die emanzipatorische Vorstellungen im Hinblick auf die Geschlechterrollen vertreten, solche die keine Kinder möchten, die eine Karriere anstreben, oder solche, die ihre politische Aufgabe im Kampf auf der Straße und bei Demonstrationen sehen.
Die Gefahr besteht darin, dass ein Verbleiben in der Klischeevorstellung „rechtsextrem orientierte Frauen sehen ihre Aufgabe in der Rolle als Mutter und Hausfrau“ den Blick sehr einschränkt.
Das Spektrum ist viel größer, die Frauen leben in ganz unterschiedlichen Rollenmodellen und das Interessante an der rechten Szene ist, – und das bieten nur wenige politische Parteien – dass es eben möglich ist, für alle Rollenmodelle dort einen Platz zu finden.
Haben Sie aus Ihrer jahrelangen Forschungs-Erfahrung etwas gelernt, das für Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit rechten Frauen interessant ist?
Ich habe selbst relativ viel für das Medium Radio gearbeitet und die Interviewtechniken, die dort verwendet werden, und die ich angewandt habe, unterscheiden sich extrem. Mir geht es in einem Forschungsinterview gar nicht darum, dass die Frauen pointiert, kurz und knapp etwas sagen, was dann in einem paar-minütigem Trailer platziert werden kann. Mir geht es gerade umgekehrt darum, dass sie sehr ausführlich und ganz differenziert erzählen, so dass ich aus dem erzählten Handlungsvollzug rekonstruieren kann, was in der rechten Szene abläuft. Ich habe den Anspruch, das was sie sagen, zu analysieren.
Darüber hinaus ist es sicherlich ein Balanceakt, diese Ambivalenz zwischen „ach die ist ja ganz nett und sympathisch“ und deren gefährlichen politischen Positionierung zu erkennen. Eine Frau aus der rechten Szene kann durchaus sympathisch sein, aber deren politische Position ist in der Regel undemokratisch und menschenverachtend. Auch umgekehrt, wenn eine Frau gar nicht sympathisch erscheint und meinetwegen brutal auftritt, ist es wichtig, diesen Eindruck nicht stärker zu machen als das, was an politischer Position dahinter steht. Sich dieser Dynamiken in der Berichterstattung bewusst zu sein und dagegen anzuarbeiten, wenn zum Beispiel Interviewmaterial aufgearbeitet wird, darum geht es. Ich sehe den Verlust der Distanz oder der Außenperspektive als ziemlich großes Problem für Journalistinnen und Journalisten in der Berichterstattung über rechtsextreme Milieus.
(Interview vom 21.11.2007)
Ihre Dissertation behandelt „Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen – Biographische Verläufe im Kontext der Familien- und Gruppendynamik“ (erschienen im Psychosozial-Verlag, Gießen).
Tags: Hausfrau, Medien, Mutter, Recherche, Rechtsextremismus
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