„Es darf in einer Gesellschaft keine Tabuthemen geben“

Peter Berger ist Leiter der Stadtredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers. Im Gespräch erklärt er, wie es zum Wahlsieg der rechtsgerichteten und vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachteten Organisation „pro Köln“ kommen konnte und spricht über Versäumnisse bei der Berichterstattung. Außerdem erklärt er, warum er trotz allem nichts von einem NPD-Verbot hält und gibt Journalisten einen Tipp, wie man um eine unerwünschte Autorisierung eines Interviews herumkommen kann (Siehe auch: Bürgerlicher Anstrich, rechtsextreme Inhalte).


Sie wurden bei den Kommunalwahlen 2004 vom Abschneiden der Partei „pro Köln“ ziemlich überrascht. Warum hatten Sie denn im Vorfeld nicht über diese Partei berichtet?

Peter Berger: Wir haben im Vorfeld über die Partei möglichst wenig und möglichst klein berichtet. Der allgemeine Konsens in der Redaktion war, je mehr wir über solche Organisationen berichten, desto populärer werden sie und bekommen eine Aufmerksamkeit, die sie gar nicht verdient haben. Wir haben dabei aber vollkommen übersehen, dass sich diese Organisation bestimmter Themen der Stadt angenommen hat, die von anderen Parteien tabuisiert wurden. Genau in den Stadtbezirken, in denen diese Probleme auftraten, haben sie die entsprechenden Wahlerfolge erzielt.
Das hat bei uns zu einem Umdenken geführt. Wir haben gemerkt, wenn wir Themen nicht behandeln, die für einen Teil der Stadtbevölkerung wichtig sind, können diese Themen von diesen Parteien besetzt werden.
Wir haben somit aus zwei Gründen nachlässig gearbeitet. Zum einen haben wir nicht erkannt, dass es Themen in dieser Stadt gibt, die wir nicht aufgegriffen haben. Und zum anderen haben wir vollkommen unterschätzt, dass es rechtsgerichtete Gruppierungen gibt, die sich dann mit diesen Themen auseinandersetzen und dadurch bei der Wahl entsprechende Erfolge erzielen.

Welche Themen waren das konkret?

Das waren Themen wie beispielsweise Asylbewerberheime und die Frage der Kriminalität rund um die Standorte dieser Heime. Die Orte, an denen diese Heime stehen, haben eine höhere Kriminalitätsrate als andere Stadtteile, das wurde auch von der Polizei dokumentiert. Man fragt sich, warum die Stadt solche Heime und Unterkünfte nicht auf das ganze Stadtgebiet verteilt? Warum werden nur bestimmte Stadtgebiete damit belastet? Diese Themen haben wir nicht oder nur zu wenig aufgegriffen.

Das klingt nach einer Zwickmühle: Journalisten haben eine Informationspflicht. Aber bieten sie damit diesen Parteien nicht nur eine Plattform, auf der diese sich öffentlich profilieren können?

Wir bieten den Parteien keine Plattform, wenn wir berichten, denn wir recherchieren die Geschichten. Im Zeitalter des Internets ist diese Angst, eine Plattform zu bieten, sowieso obsolet. Durch die Online-Vernetzung gibt es mittlerweile ganz andere Möglichkeiten, bestimmte Inhalte zu verbreiten. Uns ging es darum, zu recherchieren, Hintergründe aufzudecken und dann auf unseren Plattformen, nämlich Print-, Online- und Fernsehangeboten, die entsprechenden Analysen über diese Gruppen und die Figuren dahinter zu liefern.

Welche Rolle spielt Objektivität bei der Berichterstattung? Ist es falsch zu warnen? Und darf man im Interview mit einem rechtsextremen Parteifunktionären provokant sein?

Man sollte sich einfach so verhalten, wie man sich auch sonst im journalistischen Leben verhält. Man sollte sein Handwerk beherrschen. Wenn man warnen, mahnen, moralisieren oder seine Meinung dazu äußern möchte, sollte man das in Kommentaren oder in Analysestücken tun.
Einem Interview sollte man sich so nähern, wie man das bei anderen Gesprächspartnern auch tut: Indem man sich sehr gut vorbereitet und versucht, etwas aus seinem Gesprächspartner herauszulocken, was er vielleicht sonst nicht gesagt hätte. Das ist bei Interviews immer schwierig. Und natürlich gilt das für rechtsextreme Gruppierungen und deren Funktionäre genauso wie für andere Interviewpartner auch. Der Gesprächspartner hat das Recht, das Interview zu autorisieren. Journalisten haben das Recht zu sagen, dass das Interview nicht erscheint, wenn bestimmte Inhalte nicht mehr so auftauchen, wie sie gesagt wurden. Das ist relativ simpel.
Für Printmedien gibt es einen Trick, wenn man bei Interviews um eine Autorisierung herumkommen will: Wenn man im eigenen Haus eine Fernsehplattform hat und das Interview als Fernsehbeitrag aufzeichnet, muss man darauf bestehen, dass sich die Textversion nicht vom Fernsehbeitrag unterscheiden darf. Somit bleibt dem Gesprächspartner nur noch übrig zu sagen „So oder gar nicht“. Das ist eine ganz spannende Angelegenheit.

Wie sollten sich Journalisten auf eine Berichterstattung über Wahlen und rechtsextreme Parteien vorbereiten?

Hilfreich ist es, wenn das Interview von einem Experten und einem Laien geführt wird. Da der Experte oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, ist es gut, wenn der Laie Neues einbringt. Beide müssen gut vorbereitet sein, wenn es ihnen überhaupt gelingen soll, dem Gesprächspartner etwas Substanzielles zu entlocken. Sie müssen sie immer wieder damit konfrontieren und sie möglichst in Situationen bringen, in denen es schwierig für sie wird, auszuweichen.
Die Erfahrung zeigt, dass das bei Interviews mit rechtsextremen Köpfen einer Partei immer sehr schwierig ist. Gerade diese Politiker sind natürlich sehr gut vorbereitet und geübt in solchen Gesprächen, weil alle immer versuchen, ihnen nachzuweisen, dass sie der rechten Szene zuzuordnen sind.

Sie haben einmal gesagt, man müsse die Themen von den Rechten weg schreiben. Was genau meinten Sie damit?

Das habe ich vorhin an einigen Beispielen geschildert. Damit meinte ich, dass es in einer Stadtgesellschaft oder überhaupt in einer Gesellschaft keine Tabuthemen geben darf. Man sollte beispielsweise nicht ignorieren, wenn sich in dem Stadtteil „XY“ die deutsche Bevölkerung darüber aufregt und dass in der Umgebung von Asylantenheimen mehr geklaut wird und dass der Stadtteil vielleicht verdreckter ist als anderswo. Diese Behauptungen muss man möglichst objektiv überprüfen, die Fakten recherchieren. Das kann man mit Polizeistatistiken oder mit Recherchen vor Ort tun. Und dann kann man auch die Dinge beim Namen nennen. Wenn man das nicht tut und aus einem falsch verstandenen Glauben denkt, man dürfe bestimmte Themen nur in eine Richtung behandeln, ist das falsch. Bei der Moschee-Diskussion in Köln haben wir das ja auch gesehen. Selbst so etablierte Ratsfraktionen wie CDU, FDP, SPD und die Grünen haben das Thema in diesem Stadtteil, in dem die Moschee gebaut werden soll, einfach ignoriert.

Was halten Sie denn von einem NPD-Verbot?

Ich halte nichts von einem Verbot. Ich bin der Meinung, dass ein Verbot noch nie etwas bewirkt hat. Ein Verbot von Parteien wie der NPD oder gar „pro Köln“ - was noch viel schwieriger durchzusetzen wäre - würde nichts bewirken. Man kann den Menschen ja nicht das Gedankengut verbieten. Man kann zwar eine Organisation oder eine Partei verbieten, aber damit erreicht man nur, dass diese Organisation in irgendeiner Art und Weise illegal weiterarbeitet und die öffentliche Kontrolle viel schwieriger wird.
Und durch ein Verbot wird natürlich bei vielen der Reiz erhöht, sich mit dieser Gruppierung zu befassen. Auf der einen Seite macht man sie in einer Demokratie zu Märtyrern und auf der anderen Seite treibt man Leute, die das einfach nur mal interessant finden dazu, sich auf einem illegalen Terrain zu bewegen. Davon halte ich überhaupt nichts.

Peter Berger ist seit 2001 Leiter der Stadtredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger. Vorher war er Lokalredakteur und Chefreporter beim Express und arbeitete als Journalist für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. In einem weiteren Interview spricht er über alltäglichen Rassismus und hartnäckiges Recherchieren.  
 
 

Info: Moscheebau in Köln-Ehrenfeld

Der von der türkisch-islamischen Organisation Ditib geplante Bau einer Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld sorgte in den vergangenen Jahren für einige Kontroversen und heftigen Protest bei der Bevölkerung. Bisher wurde eine alte Lagerhalle auf dem Baugrundstück als Moschee-Ersatz genutzt.
Entstehen soll ein fünfstöckiges Gebäude für 2000 Gläubige. Neben den Gebetsräumen, soll der Gebäudekomplex auch eine Nutzfläche auf rund 20.000 Quadratmetern beinhalten. Dieser soll die Verwaltung des Bauherren und Betreibers Ditib (Dachverbandes der türkisch-islamischen Union der Anstalt der Religionen e.V.), verschiedene Geschäfte- und Dienstleistungsbetriebe, eine Bibliothek, Schulungs- und Seminarräume und eine Tiefgarage mit 200 Parkplätzen beherbergen. Im Frühjahr 2008 soll mit dem Bau begonnen werden.

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