Wie sich die NPD als Opfer stilisiert
Die Mitglieder der NPD stellen sich selbst gerne als Opfer anderer Politiker und vor allem der Medien dar. Sie stilisieren sich mittlerweile als bürgerliche Mitte. Sie nennen sich „Nationaldemokraten“, „Nationale“ oder einfach nur „Patrioten“, sind aber vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Zu mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung will die Partei kommen, indem sie systematisch behauptet, dass Staat, die Linke und Medien ihnen immer noch einen nazistischen Stempel aufdrücken. Sie würden damit zu Opfern einer Hetzkampagne.
In den Medien: Die NPD in der Opferrolle
Gut gemeinte Versuche von Journalisten die NPD vorzuführen, ihr nationalsozialistisches Gedankengut nachzuweisen oder rechtsextremistische Zitate in den Mund zu legen, enden oft in einem Desaster. Die Parteifunktionäre wissen recht gut, wie sie sich populistisch und national, aber nicht zu rechtsextrem geben. Der Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, sagte im Tagesspiegel vom 16.September 2006: „Wir haben aus den letzten Runden mit Parteienvertretern aber dazugelernt.“
Die NPD gefällt sich in dieser Rolle
Vorausgegangen war ein Gespräch des NDR-Chefreporters Christoph Lütgert, der im Tagesschau-Interview mit dem mecklenburg-vorpommerschen NPD-Spitzenkandidaten Udo Pastörs versuchte, diesen als Neonazi zu entlarven. Pastörs wusste damit umzugehen, unterstellte dem ZDF indirekt eine schlechte Recherche und warf dem Journalisten vor, ihn durch eine Konfrontation mit Hitler-Zitaten in eine Ecke drängen zu wollen. Die NPD gefällt sich in der Opferrolle. Deswegen sollten Journalisten vermeiden, ihnen solche Vorlagen zu geben. Taktisch klüger und journalistisch angebrachter sind Fragen zum Parteiprogramm und zu laufenden politischen Ereignissen und Debatten. Man sollte sie in dieser Hinsicht nicht anders als andere Parteien behandeln.
Opfer-Tricks der NPD
1. Vereinfachung komplexer Tatsachen durch Parolen
„Ist es hinnehmbar, dass Menschen, die nicht einen Pfennig in unsere sozialen Systeme eingezahlt haben, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen unser Land überschwemmen, aus unseren Kassen das uns zustehende Geld ergaunern und nicht wenige zum Dank für unsere Großzügigkeit kriminelle Handlungen begehen?“ fragt Manuela Tönhardt, die für DVU und NPD kandidiert. Eine journalistische Auseinandersetzung mit einer solchen Anhäufung von Parolen ist schwierig. Journalisten sollten gut recherchieren, sich intensiv vorbereiten und sich von solchen Parolen nicht provozieren lassen. Dann kann man diesen Phrasen mit gezielten W-Fragen (Was meinen Sie damit? Was bedeutet das für Sie?) und einer Forderung nach konkreten Beispielen und eigenen Erfahrungen begegnen.
2. Die NPD als Tabubrecher
Äußerungen wie „Man wird doch wohl noch sagen dürfen,…“ und „Wir vertreten die Meinung unzähliger unbescholtener Deutscher“ sind beliebt bei NPD-Funktionären. Einerseits konstruieren sie damit Tabus und stellen sich als Opfer von „Zensur“ dar. Darüber hinaus können sie sich so als mutige Demokraten präsentieren. Journalisten sollten solche verdeckten Absichten erkennen können und benennen.
3. Rechtsextremer Opferdiskurs
Die NPD sieht sich und das deutsche Volk als Opfer des zweiten Weltkriegs, ihre Partei als Opfer von „Gesinnungsdiktatur“ und Deutsche als Opfer von Ausländern. Ein Journalist sollte glaubhafte Erfahrungen ernst nehmen, aber falsche Folgerungen in Frage stellen. Frank Jansen vom Berliner Tagesspiegel: „Da präsentieren sie sich gerne als „Kleine-Leute-Partei“. Da muss man als Journalist dann schon sagen, dass das ja ganz nett sei, was die einem da erzählen, sie aber doch auf ganz andere Sachen hinaus wollen“.
4. Opfer der Political Correctness
‘Wenn man seine Meinung sagt, kriegt man gleich eins mit der Rassismus-Keule übergezogen’. ‘Ich hab zwar meine Meinung dazu, aber wenn ich die jetzt sage, dann würde ich mich strafbar machen.’ Anti-rassistische Positionen werden oft vereinfacht wiedergegeben und als „Rassismus-Keule“ bezeichnet, als Problem der Political Correctness. Als Journalist sollte man nachfragen. „Warum glauben Sie könnte das als rassistisch ausgelegt werden? Inwiefern unterscheidet sich ihre Position von der eines Rassisten?“
5. „Umarmungstaktik“
Rechtsextreme Parteien versuchen manchmal, sich bei Journalisten einzuschmeicheln und sich diesen als Verbündete anzubieten. Frank Jansen vom Berliner Tagesspiegel hat solche Erfahrungen schon gemacht:
„Es gibt schon seit Jahren Versuche, Journalisten zu umarmen, die sich in der Szene auskennen. Da wollen sich die Parteifunktionäre dann in aller Freundschaft mit einem unterhalten. Das machen aber nicht alle, dass machen eher die Intelligenteren in der NPD. Die wissen zwar genau, dass sie mich nicht auf ihre Seite kriegen, aber sie versuchen, über mich Inhalte zu transportieren. Immer frei nach der Strategie: Any Publicity is good publicity. Hauptsache der Markenname NPD erscheint im Tagesspiegel und darunter steht Frank Jansen, denn der weiß schließlich Bescheid. Da muss man als Journalist genau aufpassen. Bedient man damit die Propaganda-Strategie der Partei oder dient das, was man schreibt dem Leser als Information? Das was ich schreibe, muss primär der Aufklärung der Leser dienen. Ein ziemlich bekannter Rechtsextremist sagte mir einmal, wenn die Machtübernahme komme, dann müssten sich die Journalisten eben umstellen. Dann müssten die System-Journalisten eben „für sie“ schreiben. Journalisten seien ja wendige Menschen und könnten gerade das Gegenteil von dem schreiben, was sie früher geschrieben haben. Und wenn man dann fragt: „Was ist, wenn ich das nicht möchte?“ Dann sagen sie eben „Herr Jansen, dann gibt es eben Berufsverbot!“ Und das wäre wahrscheinlich noch die harmloseste Variante.“
Quelle: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) und Frank Jansen
Frank Jansen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel und Experte in Sachen Berichterstattung über Rechtsextremismus. Der Journalist beschäftigt sich seit mehr als 17 Jahren mit dem Thema kennt sich in der rechtsextremen Szene bestens aus. 1995 erhielt er für seine journalistische Arbeit den Theodor-Wolff-Preis.E-Mail: Frank.Jansen (at) Tagesspiegel.de
Telefon: 030-260090
Tags: Medien, NPD, Opfer, rechte Parteien, Täter
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